Expeditionen durchs Linienbündel
15.07.2010 | 19:16 Uhr 2010-07-15T19:16:00+0200
Siegen.Ratlose Gesichter an der Haltestelle am Weidenauer Giersberg. Gut, dass der Busfahrer ein Herz hat und an der Ecke anhält, bevor er abbiegt – denn der Hirschberg ist nicht mehr Teil seiner Route.
Am ersten Tag der Sommerferien erfahren Fahrgäste hautnah, was das „Linienbündel Mitte“ für sie bedeutet.
Nicht nur neue Liniennummern und neue Fahrwege, die an den meisten Haltestellen noch gar nicht angezeigt sind. Auch nicht nur neue Fahrpläne, sondern durchaus unangenehme Überraschungen: Die Bürbacher Hainbornstraße ist vom Linienverkehr ebenso abgehängt wie der Hilchenbacher Marktplatz.
Dass das Angebot auf dem Siegener Heidenberg und in der Winchenbach dünn wird, erschließt sich beim genaueren Studium des Fahrplans, das auch am Siegener Bahnhof viele Fahrgäste mit Block und Kuli oder Handy-Kamera vornehmen: „Was wäre denn, wenn ich nun einmal abends ins Kino gehen will?“, fragt Manfred Kneppe – in die Winchenbach fährt nach 19.30 Uhr kein Bus mehr. Den Dreis-Tiefenbacher Heckersberg trifft es noch härter: Der Reichspfad wird am Wochenende überhaupt nicht mehr angesteuert.
In der L 122 rettet der freundliche Busfahrer mit Erfolg die Stimmung. Von Unglinghausen nach Dreis-Tiefenbach, hoch zur Waldsiedlung, runter zum Weidenauer Bahnhof, hinten an der Oberstadt vorbei zum Schleifmühlchen und endlich zum Siegener Bahnhof: „Das ist eine wunderschöne Fahrt, um etwas von Siegen zu sehen.“ Wenn man die 55 Minuten übrig hat. „Man kann sich ja auch mit seinem Sitznachbar ausgiebig unterhalten.“ Was die Fahrgäste gerne tun – der Gesprächsstoff liegt auf der Hand.
Weil die Umstellung am ersten Ferientag erfolgt und jeder zweite Bus sowieso im Depot bleibt, ist Helmut Rameil einigermaßen entspannt: „Bei der Umstellung in Olpe hatten wir mehr Anrufe.“ Rameil ist beim ZWS, dem Zweckverband Personennahverkehr, für die Busse zuständig. Der ZWS hat den Nahverkehrsplan vorgegeben und die Linien so „gebündelt“, dass die Verkehrsunternehmen ohne zusätzliche Zuschüsse auskommen. Darauf kann dann auch Jürgen Dietrich, der Sprecher der Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd (VWS), verweisen: Linien und der Taktfahrplan sind vorgegeben. „Damit wird auch nicht benötigte Leistung verbraucht.“
Beschwerden sind nicht zwecklos: „Wir sammeln die Anregungen“, sagt der VWS-Sprecher. Spätestens zum Fahrplanwechsel im Dezember sind ein paar Feinjustierungen möglich. Ob davon die Herzhausener profitieren, die in Eckmannshausen planmäßig jeden Anschluss an die Linie 122 verpassen? Oder die Freudenberger, denen in Siegen der Anschlussbus zum Giersberg immer drei Minuten vor ihrer Ankunft davonfährt?
Helmut Rameil kann nicht jede Kritik ausräumen: Dass der Fahrplan abends und an Wochenenden ausgesprochen dünn wird, hat mit dem Geld zu tun, das die Kommunen nicht in den Nahverkehr stecken wollen. „Wenn mehr gewünscht wird, muss einer dafür zahlen“, gibt Jürgen Dietrich die Position seines Unternehmens wieder. Und weil das so ist, fährt die R 11 nur noch einmal in der Stunde von Hilchenbach nach Kreuztal – und nur da hin und nicht als R 10 weiter nach Siegen. Das zusätzliche Umsteigen allerdings, so Helmut Rameil vom ZWS, sei „ein ganz normaler Fall“.
Im Wallauer Weg kriegt die C 123 die Kurve nicht. Seit Donnerstag befährt die Linie die Straße auf dem Siegener Giersberg in entgegengesetzer Fahrtrichtung. Baustelle und geparkte Autos sind für den Gelenkbus zu viel. „Vieles wird sich in den nächsten Tagen normalisieren“, sagt Jürgen Dietrich – der erste Schultag wird der nächste Stresstest, wenn auch die aus den Ferien zurückgekehrten Fahrgäste das „Linienbündel Mitte“ für sich entdecken.
VWS-Sprecher Dietrich wagt den Vergleich mit dem Abbruch und dem Neubau eines Wohnhauses: „Eigentlich ist das neue Haus schöner. Aber Sie müssen sich daran gewöhnen.“ Wenn das die lustige Reisegesellschaft in der L122 gehört hätte.
19:10
Hallo Deniz,
ruhig Blut, als WR-Leser bin ich ziemlich sicher, dass dazu durchaus estwas berichtet worden ist. Detailliert zu einigen wegfallenden Verbindungen sogar zwei Mal.
Beste Grüße,
WR-Leser
13:46
Gut, dass der Busfahrer ein Herz hat:
Schlecht, dass die WR Siegen kein Herz für ihre Leser hat.
Denn sonst hätte sie diese vor der Umstellung darüber informiert, dass ganze Linien und Haltestellen wegfallen.
Welche das sind, verrät Transdev bis heute nicht.
Und die WR auch nicht.
Jetzt, wo die Umstellung schon geschehen ist und zahllose Passagiere vergebens auf den Bus warteten in der Sommerhitze - da werden nun in einem launigen Artikel Einzelfälle genannt.
Vielleicht könnte die WR nun endlich mal nachfragen, welche Haltestellen und Verbindungen weggefallen ist?
Falls sich ein Journalist traut - und ein Herz für die Leser hat.
P. S. Skandalös war, dass an den Bushaltestellen die neuen Fahrpläne gar nicht ausgehangen wurden! Hat die WR auch nicht mitgekriegt.