Expedition in die Dorfgeschichte

Spannende Geschichtsstunde unter dem Walnussbaum:  Dr. Hartmut Müller führt den großen Tross zu den Häusern und den Geschichten, die mit ihren Bewohnern verbunden sind.
Spannende Geschichtsstunde unter dem Walnussbaum: Dr. Hartmut Müller führt den großen Tross zu den Häusern und den Geschichten, die mit ihren Bewohnern verbunden sind.
Foto: Michael Kunz

Kredenbach..  „30 Leute vielleicht, mehr nicht“, war die allgemeine Erwartung. Stattdessen eine halbe Völkerwanderung unterwegs in Kredenbach, als Heimatforscher Dr. Hartmut Müller zum Auftakt des Jubiläumswochenendes zum Dorfrundgang eingeladen hatte. Und das gleich zwei Mal, unterbrochen vom Kaffeetrinken.

Weit über 100 interessierte Menschen jeden Alters arbeiteten sich vom Parkplatz des Evangelischen Gemeinschaftshauses langsam in den Ortskern vor. Neben vielen Kredenbachern wurden auch „Auswärtige“ begrüßt, wie Heimatforscherin Kathrin Stein aus dem benachbarten Ferndorf oder Hilchenbachs stellvertretender Bürgermeister Klaus Stötzel.

Wer in die Vergangenheit eindringen wolle, müsse sich vor allem an den Gebäuden orientieren. „Geschichte wird von Menschen gemacht“, stellt Dr. Hartmut Müller fest. Sie manifestiere sich in den Häusern und von denen gebe es glücklicherweise noch sehr viele im Dorf, das urkundlich im Oktober 1340 erstmals erwähnt wird. Müller erzählt vom Gemeinschaftshaus, das lange Zeit als „das erste Haus auf der linken Seite“ beschrieben worden sei, „ inzwischen ist es ,hinter dem großen Elefantenklo’“, dem Kreisel, von dem er nicht genau wisse, wie wichtig der für die Dorfgeschichte sei.

Bei Jung-Stillings Stiefmutter

Andere Dinge aber sind wichtig, die für das Siegerland so typischen Hausnamen, von denen heute vor allem „Merje“ noch durch den Gasthof gleichen Namens im Bewusstsein der Menschen ist. Merje, das gehe auf Merge, also Maria zurück, beginnt der Dorfchronist. Es gehöre zu den elf ältesten Häusern des Orts. Die Hauschronik liegt an der Rezeption. Und sie sehe danach aus, als werde auch darin gelesen. „Das tut schon gut.“

Weiter geht es mit Anmerkungen zu den benachbarten Gebäuden, deren Bauzeit manchmal durch glückliche Funde bei Renovierungen zu ermitteln gewesen sei. Es geht um den Blitzeinschlag von 1784, die damit verbundene erste Erwähnung des Orts in einer Zeitung, und dann in die Jung-Stilling-Straße, wo das Haus Schmette steht, ursprünglich die Schule, bevor die direkt nebenan stehende „weiße Schule“ ab 1863 diese Aufgabe übernahm. Apropos Jung-Stilling: „Da starb ein Klappert und die Witwe heiratete einen Witwer Jung“, beginnt Dr. Hartmut Müller. Der später bekannte Johann Heinrich habe auch in der Dorfschule unterrichtet. Mit dem Heiraten müsse es damals recht einfach gewesen sein. Die Bräute wurden „einfach auf der anderen Straßenseite“ gefunden. Oder im Doppelhaus gleich nebenan, wo die Dachböden verbunden waren und es reichte, auf der einen Seite hoch- und auf der anderen wieder hinabzusteigen, erfahren die amüsierten Zuhörer.

Aber: Auch die Probleme der Gegenwart sind präsent. Wie bei jenem Einwohner, der davon erzählt, dass er in einem der Nachbarhäuser der alten Schule geboren wurde und drei Kinder großzog, die nun alle über die Republik verstreut sind. Das sei dann wohl das Ende der langen Familiengeschichte in diesem Haus, „wie auch schon in einigen anderen hier im Ort“. Kurz darauf schmort eines der Kabel der Lautsprecheranlage durch. Das heiße Wetter oder die heißen Geschichten? Ersatz ist schnell besorgt.

Das Fest geht am Samstag ab 13.30 Uhr mit der Dorfolympiade auf dem Sportplatz weiter. Der Festabend beginnt um 19 Uhr in der Turnhalle, dort hält Dr. Hartmut Müller den Festvortrag. Um 23.30 Uhr ist Großer Zapfenstreich. Sonntag, 9.30 Uhr, ist Gottesdienst in der Turnhalle, danach Frühschoppen.