Erste Mails ruft sie beim Zähneputzen ab
15.08.2012 | 18:41 Uhr 2012-08-15T18:41:00+0200
Geisweid. Wer ihren Lebenslauf liest, bekommt ein schlechtes Gewissen. Sie hat an einer Privatuni BWL studiert, kraxelte vor zwei Jahren auf den Kilimandscharo, fährt schneller Ski als die meisten Männer und wurde mit 29 Jahren zur jüngsten Professorin an der FOM Hochschule für Oekonomie und Management in Siegen berufen. Professor Dr. Julia Naskrent (30) gibt Vollgas. Jeden Tag. Mit unserer Zeitung sprach die Siegerländerin über Distanz, dreiste Plagiate und Doktortitel.
Frau Professor Dr. Naskrent, was steht auf Ihrem Klingelschild?
Einfach Julia Naskrent. So unterschreibe ich auch und so steht es in meinem Personalausweis. Ich lege nicht so viel Wert auf den Titel.
Und wie ist das mit Ihren Studenten? Teilweise trennen Sie ja nicht so viele Jahre – Du oder Sie?
Ich lege Wert auf das Sie. Das schafft einfach diese professionelle Distanz. Stellen Sie sich doch einmal vor, ich müsste einem Studenten auch mal sagen: „Du, Stefan, die Arbeit war aber jetzt nichts.“ Das ist nicht okay.
Gibt es da auch mal Probleme?
Nein, eigentlich nicht. Obwohl ich jetzt auch einen Studenten hatte, der mich konsequent in seinen Mails geduzt hat. Ich habe ihm dann gleich geantwortet, dass wir aufgrund der Zusammenarbeit bitte beim „Sie“ bleiben möchten. Ansonsten habe ich mein Alter bislang immer in der ersten Vorlesung angesprochen. In diesem Sommersemester habe ich das zum ersten Mal nicht gemacht. Mit 30 Jahren finde ich, sollte das jetzt okay sein.
Wie schwer ist es, die Distanz zu Ihren Studenten zu wahren?
Da Siegen nicht so groß ist, begegne ich natürlich auch meinen Studenten privat. Gestern noch im Kino. Da gibt es dann einen lustigen Spruch und damit ist die Sache okay.
Sind Sie mit Ihren Studenten bei Facebook befreundet?
Ja.
Warum trennen Sie das nicht?
Dazu gibt es eine kleine Geschichte: Vor sieben Jahren habe ich als Studentin dem Manager Magazin ein Interview gegeben. Der Termin verlief sehr nett. Im Artikel entstand jedoch später der Eindruck, als sei ich eine verwöhnte Elitestudentin, die nur auf Karriere aus ist. Das hat mich sehr geärgert. Der Artikel steht heute noch im Netz und ich wurde sogar in einem Vorstellungsgespräch darauf angesprochen. Darum kann alles, was ich bei Facebook teile, nicht so schlimm sein, wie dieser Artikel.
Sie haben an der privaten European Business School in Oestrich-Winkel BWL studiert, Praktika Unternehmensberatungen wie McKinsey und Price Waterhouse Coopers absolviert. Jetzt lehren Sie in Siegen. Warum?
Siegen war eher ein Zufall. Ich komme ja sogar aus der Region. Ich wollte an einer staatlichen Uni promovieren und habe ein passendes Stellenangebot auf der Homepage der Uni Siegen entdeckt. Als Studentin habe ich gemerkt, dass mir das Präsentieren, die Wissensvermittlung und das wissenschaftliche Arbeiten liegt. Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater Wirtschaftsprüfer – da haben sich beide Gene durchgesetzt.
Wie war es, das erste Mal eine Vorlesung zu halten?
Meine erste Übung habe ich im Dezember 2006 gehalten. Gleich im Audimax vor 500 Studenten. Das war sehr aufregend. Danach war ich so elektrisiert. Ich wusste: Das ist es. Mein Doktorvater hat uns wirklich viel in der Lehre eingesetzt. Das war toll und ich habe sehr viel gelernt. Da ich aus Siegen komme, hatte ich auch teilweise Leute in meinen Seminaren sitzen, mit denen ich Abitur gemacht habe. Um ihnen dann das ungute Gefühl zu nehmen, habe ich ihnen gleich erklärt, dass ich vier Jahre ein ganz anderes Leben geführt habe als sie und mein Studium in vier Jahren mit einer Art Tunnelblick absolviert habe; ich konnte das Studentenleben nicht so genießen. Teilweise hatte ich Vorlesungen von 7.15 Uhr bis 20.45 Uhr. Aber es war trotzdem toll. Wer dort studiert, lebt für diese Schule.
Was bietet Siegen, was andere Städte nicht haben?
Viel Ruhe, das hat Vorteile. Ich habe das Gefühl, dass zum Beispiel meine Studenten aus dem Ruhrgebiet abgelenkter sind. Wer weniger Ablenkung hat, kann sich besser konzentrieren.
Was bringt Sie bei Ihren Studenten zum Rasen?
Am Anfang des Semesters sage ich meinen Studenten, dass sie meine Doktorarbeit lesen sollen. Ich habe sie extra ins Netz gestellt, damit meine Studenten sehen, wie ich arbeite und welche formalen Anforderungen ich bei Fußnoten, Literaturverzeichnis etc. verlange. Wenn ich merke, dass dies nicht der Fall ist, ärgert mich das.
Schon einmal ein Plagiat entdeckt?
Ja. Eine Studentin hat von Wikipedia abgeschrieben und mir später sogar unterstellt, dass ich nachträglich den Wikipedia-Eintrag geändert hätte.
Welchen Typ Professor konnten Sie schon als Studentin nicht leiden?
Ich hatte eine Professorin, die sich nicht an Verabredungen gehalten, Termine in die volle Mensa verlegt und auch auf Mails nicht reagiert hat. Das fand ich schrecklich. Deshalb gebe ich meinen Studenten das Versprechen, innerhalb von 24 Stunden zu antworten. Das hier (sie winkt mit einem Blackberry und checkt auch kurz das Display) ist immer dabei. Die ersten Mails lese ich morgens beim Zähneputzen, die letzten abends im Bett.
Wie leicht fällt es Ihnen abzuschalten?
Ich jogge in den Wäldern rund um Siegen, da kann ich sehr gut abschalten. Außerdem kann ich mir meine Arbeit frei einteilen. Als es jetzt so schön war, habe ich draußen gesessen und Arbeiten korrigiert. Ich arbeite sehr viel, aber ich lege den Ort fest, das genieße ich.
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