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Jüdische Geschichten

,Erst geachtet, später geächtet’

11.11.2010 | 18:09 Uhr
,Erst geachtet, später geächtet’
Historiker Dieter Pfau stellte seine Arbeit vor.

Kreuztal-Littfeld.Es war vielleicht die Überraschung des Abends: Ein anwesender Zuhörer stellte sich nach dem Vortrag des Siegener Historikers Dieter Pfau über „Die Geschichte der Juden im Amt Ferndorf“ als Nachkomme eines der Überlebenden vor.

Als Sohn von Hugo Meier, der es 1936 geschafft hatte, vor Beginn der Deportationen nach Israel auszuwandern.

Viele neue Einzelheiten haben Pfau und die Kreuztaler Stadtarchivarin Ria Siewert zur Geschichte der Juden herausgefunden. Die letzte große Veröffentlichung von 1968 ist damit in weiten Teilen überholt, oder zumindest um viele Details erweitert. Und es stehen noch weitere Informationen aus, die der Internationale Suchdienst in Arolsen zugesagt hat.

Der Bürgertreff in Littfeld war – am 72. Jahrestag der von den Nazis angezettelten Judenpogrome – nicht zufällig als Veranstaltungsort für die Vorstellung der geplanten Dokumentation ausgewählt worden: In Littfeld lebten die meisten der in den Vernichtungslagern ermordeten Juden des Amtes Ferndorf. Acht Namen stehen auf der Opfertafel, die am Friedhof angebracht ist. Insgesamt waren es aber 16 Juden aus Krombach und Littfeld – darunter die drei Schwestern Rosenhelm. Johanna hatte als letzte 1938 Krombach verlassen und war zu ihren Schwestern Rosa und Berta nach Amsterdam gezogen. Aber 1943 wurden sie von dort nach Sobibor deportiert. Denn längst hatten die Nazis die Niederlande okkupiert und setzten dort ihre grausame Vernichtungspolitik fort.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts kam Benjamin Moses vermutlich aus dem Sauerland nach Burgholdinghausen. Sechs Generationen lang lebten seine Nachkommen, die Familien Meier und Rosenhelm, nahezu unbehelligt in Littfeld und Krombach. Die Meiers hatten ihren Mittelpunkt im 19. und 20. Jahrhundert in Littfeld, wo sie zwei Metzgereien betrieben – bis zur Enteignung.

Vor einem weitgehend älteren Publikum legte Dieter Pfau die Ergebnisse der Arbeit vor, die er und Ria Siewert mit Hilfe der Unterlagen des Stadtarchivs und des Staatsarchivs Münster zusammentragen konnten. Pfau zeigte die Entwicklung des Nationalsozialismus in Littfeld beispielhaft auf, wo noch bis 1932 SPD und christliche Parteien die meisten Wähler hatten.

1925 noch angesehen

Das Blatt wendete sich bis 1933: Die Evangelikalen und Christ-Sozialen wandten sich den Nazis zu. Die NSDAP kam bei der letzten Wahl in Littfeld auf fast 60 Prozent. „Das hat sich so auch in anderen Gemeinden zugetragen“, sagte Pfau, selbst auch ein Littfelder. Er versicherte den Anwesenden, dass niemand an den Pranger gestellt werden solle. Denn natürlich ging der Historiker auch auf die Täter ein. Allen voran auf den nach Littfeld umgezogenen Siegener Werner Göbel, der die örtliche SA gründete und seine Gaststätte an der heutigen Hagener Straße zum Treffpunkt der Braunhemden machte. Oder Bürgermeister Willi Groos, der vor dem Entnazifizierungsausschuss behauptete: „In Littfeld waren auch sehr viele Juden, welchen aber kein Leid zugefügt wurde.“

Das mag, so Dieter Pfau, bis 1937 gegolten haben. Doch viel subtiler war danach die Umsetzung der Nazi-Gesetze zur Enteignung, wie die Listen der Wiedergutmachungsbehörde nach dem Krieg nachwiesen. Die Metzgerfamilien, denen die Ausübung ihres Berufs untersagt war, hatten in ihrer Not ein Grundstück nach dem anderen verkaufen müssen. Nach dem Krieg hatte mancher Käufer noch die Chuzpe, sich darüber zu beschweren, dass Entschädigung geleistet werden musste.

An der Ausplünderung der Littfelder Juden waren die Behörden auch in Person des damaligen Amtsbürgermeisters Dr. Erich Moning nicht unbeteiligt. Dieter Pfau: „Von Amts wegen war er in den Prozess der Entrechtung und Enteignung der Juden involviert.“ Dies vollzog der Verwaltungschef mit deutscher Gründlichkeit. Die Erlöse aus den Verkäufen der Wertgegenstände der Meiers überwies Bürgermeister Groos an das Finanzamt. Groos selbst war wohl wie Moning „kein überzeugter Nazi“ (Pfau), aber doch der SS beigetreten und musste deshalb in Buchenwald und Flossenbürg Wachdienst leisten. Das brachte ihn nach 1945 zu Recht in einige Bedrängnis.

Geachtete Bürger waren die jüdischen Familien in Littfeld bis 1933 allemal. Doch wenige Jahre später war vergessen, dass Hugo Meier die Feuerwehr mitgegründet hatte, Eva Marx als Schützenkönigin 1925 erwählt wurde und Raphael Meier im selben Jahr auch der Genossenschaftskasse beigetreten war:„Sie waren geächtet.“

Dieter Pfau widmete auch den geistigen Vätern des Antisemitismus ein Kapitel. Sie schürten den Hass auf die Juden und bereiteten letztlich den Holocaust gedanklich mit vor: An prominenter Stelle der Krombacher Lehrer Jakob Henrich, nach dem heute noch eine Straße benannt ist. Der als „Bergfrieder“ bekannte Heimatdichter verfasste schon in den 1920er Jahren antisemitische Schriften, wie Dieter Pfau nachwies; nach dem Krieg gab er sich lammfromm. Oder Henrichs Kollege Lothar Irle, der am berüchtigten Lehrerseminar in Hilchenbach den Boden für die Nazis bereiten half und heute noch hoch geschätzt wird.

Mit der Deportation von Siegfried Meier, seiner Frau Minna und ihrem kleinen Sohn Fred im März 1943 nach Auschwitz endete die eineinhalb Jahrhunderte dauernde Geschichte der Littfelder Juden. Zum Gedenktag der Opfer des Holocaust am 27. Januar werden Ria Siewert und Dieter Pfau in der Kapellenschule eine Ausstellung vorbereiten; einige Wochen später erscheint die von der Stadt Kreuztal finanzierte Dokumentation. Sie wird auch bislang unbekanntes Material enthalten – wie die Fotografien aus Israel, die Hugo Meiers Enkel per E-Mail geschickt hat: Drei jüdische Kinder aus Littfeld, deren ernste Mienen schon drohendes Unheil widerspiegeln.

WR-Redaktion Siegen

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