Erinnerungen an die „Große Liebe“ in Siegen

Siegen..  Landrat Andreas Müller formuliert es bei seiner Begrüßung klar und deutlich: „Wir leben in Zeiten, in der kluge, kühle Köpfe gefragt sind. Man muss Andersartigkeit nicht immer betonen, sondern auf beiden Seiten hinnehmen. Das ist mühsam, aber unverzichtbar.“

Für diese Positionen steht auch Navid Kermani, in Siegen geboren und aufgewachsen und inzwischen ein viel beschäftigter und vielbeachteter politischer und wissenschaftlicher Autor. Auf der Apollo-Bühne jedoch liest er aus seinem autobiografischen Roman „Große Liebe“. Darin beschreibt er das Erwachen der Gefühle eines 15-jährigen Jungen für eine Mitschülerin.

Bewunderung aus der Ferne

Diese ist aber schon 19, steht kurz vor dem Abitur und wohnt in einem besetzten Haus hinter dem Siegener Bahnhof. Nebenbei jobbt sie als Kellnerin in einer nahegelegenen Kneipe. (Beide Gebäude sind inzwischen der HTS und dem Busparkplatz „zum Opfer“ gefallen.) Besonders angetan ist er von der Zahnlücke der Angebeteten, die er jedoch zunächst nur von Ferne in der Raucherecke seines Gymnasiums bewundern kann.

Das ändert sich jedoch bald, denn er gehört einer Friedensgruppe an, die sich regelmäßig in den Räumen der Siegener evangelischen Studentengemeinde trifft. Dort taucht auch Jutta auf. Ihren Namen hat er durch den gemeinsamen Deutschlehrer herausgefunden.

Er, drei Pullover übereinander, Jimi-Hendricks-Hose, John-Lennon-Brille und Birkenstock-Sandalen, hat an diesem Abend den Mut zu einer heroischen Rede, wie er selbst meint. Mit der, glaubt er, hat er Jutta beeindruckt. Doch die Enttäuschung folgt: Zur verabredeten gemeinsamen Busfahrt nach Bonn, um dort die Blockade des Verteidigungsministeriums zu organisieren, erscheint Jutta nicht.

Und es kommt noch dicker, denn er wird von Polizisten weggeschleppt, in die Grüne Minna gesperrt und so lange festgehalten, bis ihn sein Vater abends abholt. Einmal kommt er Jutta aber sehr nahe: Auf der Matratze ihrer WG, zwischen Kisten, in denen Bücher lagern, einem rosa lackierten Stuhl als Kleiderständer und unter dem gönnenden Blick von Picassos Friedenstaube wird er in die Geheimnisse der Liebe eingeführt. Zumindest fast, denn unterm Strich enden alle seine Versuche ziemlich ernüchternd.

Kurze Romanze

So ist nach nur einer Woche schon alles vorbei. Auch die Belagerung des Hauses von Jutta verläuft im Sande. Ein Hausbesetzer: „Mann, bist du durchgeknallt!“ Aber er ist sich sicher: Größer hat er nie wieder geliebt.