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Vom Plattendreher zum Knöpfedrücker – Die Evolution des DJs

30.03.2016 | 06:30 Uhr
Vom Plattendreher zum Knöpfedrücker – Die Evolution des DJs
Statt Plattendrehen heißt es heutzutage für viele DJs nur noch Knöpfedrücken. Unser Zeichner Hendrik Noack bringt die Entwicklung in der DJ-Kultur auf den Punkt.Foto: Hendrik Noack

Weidenau.   Was macht ein DJ heute anders als in den 90er Jahren und warum eigentlich? Lorenz Gilli, Dozent an der Uni Siegen, hat die Antworten.

Lorenz Gilli promoviert über DJ-Kultur. Seit 2013 gibt der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medienästhetik auch Seminare zum Thema. Der gebürtige Südtiroler ist selbst DJ und arbeitete zwischenzeitlich in einer Firma, die Musikdienstleistungen für Handel und Gastronomie anbietet. Wir haben uns mit ihm über die Entwicklungen im DJing und seine Dissertation unterhalten.

Können Sie ihr Projekt zum Thema DJ-Kultur erläutern?

Lorenz Gilli (L.G.): Mit meinem Projekt möchte ich herausfinden, wie DJs an die Gestaltung ihres Sets herangehen. Dabei interessiert mich, welche ästhetischen Prinzipien der DJ verfolgt und welche Spannungsbögen über die Zeit hinweg gestaltet werden. Ich erforsche, wie genau spezielle Sounds eingesetzt werden, um bestimmte Spannungsmomente hervorzurufen. Der zweite Fokus liegt darauf, wie DJs mit dem Publikum interagieren und erkennen, wie ihr Set ankommt.

Ich denke bei DJ-Kultur an Detroit Techno oder an Berlin in den 90ern. Damals bezeichnete man die DJ-Szene als elektronische Avantgarde-Bewegung, man sprach vom Soundtrack des Ausnahmezustands und von Freiheit. Diese Szene hat sich in den vergangenen 20 Jahren ja extrem gewandelt, oder? Könnte man sagen, früher war der Techno politisch und heute ist er das nicht mehr?

L.G.: Ich glaube, es gab immer schon Tendenzen, dass bestimmte Party- und Musikkulturen aus dem Underground, die sich auch als politische Subkultur verstehen, Subversion betreiben. Diese werden kommerzialisiert, zu einem großen Medienphänomen und dann in gewisser Weise musikalisch auch standardisiert. Und dann gibt es in den Subkulturen wieder Gegenbewegung, um etwas Neues zu schaffen. Das gab’s schon bei Disco mit Saturday Night Fever. 1977 gilt als das Jahr, in dem Disco im Mainstream angelangt ist, in dem auch die großen Labels aufgesprungen sind und die Clubs sehr groß wurden. Das wird von vielen auch als Jahr bezeichnet, in dem Disco starb, weil das Genre als Underground-Phänomen entstanden ist – vor allem innerhalb der schwarzen, Latino- und homosexuellen Community gab es diese Sichtweise. Disco ist in den weißen Hetero-Mainstream übergegangen. Und dann gab es eine Gegenbewegung, aus der House entstanden ist. Die Tendenz beobachtet man immer wieder, in den vergangenen zehn Jahren konnte man das gut am Beispiel Dubstep festmachen.

Wie gelang es dem DJ, so schnell zu einem Massenphänomen zu werden? Liegt das vielleicht daran, dass heutzutage so gut wie jeder DJ sein kann, weil es einfach ist, vorhandene Musik zusammenzuschneiden, was wiederum zu der Frage führt, wann man überhaupt von einem DJ spricht?

L.G.: Ich glaube, seit der Verfügbarkeit von digitalen Tools, die auf jedem PC funktionieren, kann jeder DJ sein. Das Ganze wird unter dem Stichwort Remix-Kultur behandelt. Simon Reynolds spricht von Retromania und kritisiert dabei das „Wiederkäuen“ der musikalischen Vergangenheit. Man kann im Grunde DJ sein, indem man einfach die richtigen Klänge benutzt. Das können Samples aus existenten Musikaufnahmen sein, aber auch vorgefertigte Soundelemente im Baukasten-Prinzip, oder auch die ganzen Voreinstellungen der Synthesizer. Natürlich ist es damit nicht getan. Es gehört schon auch ein gewisses ästhetisches Verständnis dazu, die richtigen Klänge zu benutzen. Die zweite Frage war…

Wann man von einem DJ spricht...

L.G.: Als Vinyl noch das Hauptmedium war, mit dem die DJs aufgelegt haben, war es relativ klar zu sagen: Ok, wenn jemand Platten auflegt, dann ist er DJ, und wenn er Instrumente einsetzt oder elektronisches Equipment wie einen Synthesizer, dann ist er kein DJ, dann spricht man in der elektronischen Musik von einem Live Set. Das vermischt sich heute, da DJs immer mehr auf digitale Hilfsmittel setzen und Softwareentwickler neue Funktionen integrieren, die von dem klassischen Ich-mixe-zwei-Tracks-ineinander weggehen. Man kann zwischen einzelnen Songs hin und her springen und nur einzelne Fragmente beziehungsweise Samples nutzen. Das einzelne Musikstück als abgeschlossenes Werk wird durch das Sampling und die DJ-Kultur immer mehr aufgelöst. Die klassische Sichtweise der Romantik vom schöpferischen Genie ist hier nicht mehr haltbar. Die moderne Kunst widersprach dem eigentlich immer schon. Die musique concrète oder die tape music in den 40er und 50er Jahren haben das auf die Musik angewandt und in der Popmusik ist wahrscheinlich der DJ die prägende Figur, der die Auflösung von diesem einen abgeschlossenen, genial geschaffenen Kunstwerk vorantreibt.

Dann kann man sagen, dass der DJ eine Art Symbolfigur der Gegenwart ist?

L.G.: Eigentlich ja. Um auch noch mal auf die Frage von vorher zurückzukommen, warum der DJ so ein aktuelles Phänomen ist. Vielleicht ist das auch mitunter ein Punkt, dass gerade in der Postmoderne immer mehr auf fragmentarische Zusammenhänge gesetzt wird und da ist der DJ das passende musikalische Phänomen dazu. Das sind aber Fragen, die sind alle noch nicht endgültig geklärt, da zerbrechen sich die Leute immer noch die Köpfe darüber.

Theresa Müller

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Vom Plattendreher zum Knöpfedrücker – Die Evolution des DJs
Vom Plattendreher zum Knöpfedrücker – Die Evolution des DJs
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2016-03-30 06:30
DJ, Uni Siegen, Siegen, Promotion, Kultur, Musik
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