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Tabuisierte Krankheit

Epileptiker sind nicht geisteskrank

05.10.2011 | 07:00 Uhr
Epileptiker sind nicht geisteskrank
Philipp Wolf, Oberarzt an der DRK Kinderklinik auf dem Wellersberg, Siegen mit einem EEG-Ausdruck.

Siegen. „Es ist ein Kurzschluss im Hirn“, so beschreibt Philipp Wolf, Oberarzt an der DRK-Kinderklinik einen epileptischen Krampfanfall. 200 000 Kinder sind deutschlandweit von der immer noch tabuisierten Krankheit betroffen – die Kinderklinik am Wellersberg behandelt über 500 junge Patienten jährlich.

„Den meisten Kindern sieht man Epilepsie nicht an“, sagt Wolf. Denn die kurzzeitige Übererregung der Zellen in einem Hirnareal kann als Tagträumerei wahrgenommen werden. Die Kinder werden häufig wegen Aufmerksamkeitsstörungen zur Untersuchung geschickt – erst dort stellt sich heraus, dass sie Epilepsie haben. Nach Magendarm-Grippe und Bronchitis, sei das bei Kindern und Jugendlichen die dritthäufigste Diagnose. Sie werden dann medikamentös eingestellt – operiert wird nur in den seltensten Fällen. Bei weit über 50 Prozent der Kinder verschwinden die Symptome nach einiger Zeit wieder. Etwa fünf Prozent der Menschen haben einmal im Leben einen einzigen Krampfanfall. Deshalb verordnen Ärzte oft nicht sofort Medikamente.

Angst vor Ausgrenzung

„Die Eltern tun sich oft sehr schwer mit dieser Diagnose“, sagt der Oberarzt. Denn immer noch werde es häufig mit Geisteskrankheit und geistiger Behinderung gleichgesetzt. „Deswegen haben sie Angst, es weiterzuerzählen.“ Die Erfahrung des Oberarztes hat hingegen gezeigt, dass Betroffene die offen damit umgehen, plötzlich auf viele Bekannte stoßen, die selbst mit der Krankheit zu tun haben oder hatten. Während kleine Kinder entspannt mit der Krankheit umgingen, hätten Jugendliche Angst vor Ausgrenzung. Und dennoch rät der Arzt, die Epilepsie zu kommunizieren: „Erzieher, Lehrer und Freunde sollten über die Krankheit Bescheid wissen“, rät Wolf. Zum einen, damit ein Kind deswegen keine Nachteile im Unterricht hat, zum anderen, damit sie Rückmeldung geben können, wenn Symptome auftauchen.

„Ein Anfall ist für den Betroffenen meistens nicht gefährlich“, so Wolf. Erst wenn er etwa eine halbe Stunde andauern sollte, könnte es zu Hirnschädigungen kommen. Außenstehende sollten darauf achten, dass sich der Krampfende nicht verletzen kann – aber ihn nicht festhalten. „Früher sollte ein Keil zwischen den Zähnen verhindern, dass der Krampfende sich auf die Zunge beißt, „das ist unnötig und gefährlich“, sagt Wolf. „Die meisten Anfälle gehen von alleine vorbei, die Betroffenen haben aber ein Medikament für Notfälle bei sich.“ „Grade wenn das ganze Bewusstsein von einem Anfall ergriffen ist, können sich Kinder meistens nicht mehr daran erinnern.“ Den Beginn nehmen viele als Übelkeit oder Schwindelgefühl wahr – manchmal bleibt es auch bei dieser „Aura“.

Schlafentzug begünstigt Anfälle

„Eltern haben unberechtigte Sorgen“, sagt der Wolf. Kinder mit Epilepsie können immer noch Fernsehen und Computerspielen. „Bei Jugendlichen können die Anfälle durch Schlafentzug und Alkohol begünstigt werden“, sagt Wolf, „allerdings auch durch zu viel Entspannung.“ Die Überempfindlichkeit auf Lichtreflexe und Flackern spiele bei den meisten Patienten eine sehr untergeordnete Rolle. Damit die Kinder selbst lernen, mit der Krankheit umzugehen, bietet die DRK-Kinderklinik jährlich einen Kurs für Acht- bis Zwölfjährige an.

Irmine Skelnik


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