Eine umfassende Studie über die NS-Zeit gibt es bis heute nicht

Dieter Pfau ist Historiker. Er war Projektleiter der Ausstellung „Kriegsende 1945 in Siegen“, die 2005 im heutigen Krönchen-Center gezeigt wurde.

Frage: Alle zehn Jahre Erinnerung an 1945 - verändert die sich dabei?

Dieter Pfau: Die Veränderung individueller und kollektiver Erinnerungen ist ein natürlicher Prozess, denn der Blick auf die Vergangenheit ist immer von der gegenwärtigen Befindlichkeit beeinflusst. Derzeit können wir feststellen, dass die Deutung des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus zum festen Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur geworden ist. Das war vor 20 Jahren, als noch heftig über die Wehrmachtsausstellung gestritten wurde, nicht der Fall.

Zeitzeugen, die über das Kriegsende und auch die vorangegangene Gewaltherrschaft berichten können, sterben aus. Heute sind es, anders als noch 1985, 1995 und 2005, allenfalls die damals Jugendlichen, die Erinnerungen zu Protokoll geben. Verändert das das Bild, das wir uns von 1945 machen?

Die Ausstellung im Jahr 2005 ist stark von der Generation der Kriegskinder geprägt gewesen. Mit dem Rückgang der direkten Betroffenheit ist der Blick auf 1945 weniger emotional und wird distanzierter. Neben den Erinnerungsberichten von Zeitzeugen – deren besonderer Charakter als mündliche Quellen stets in Rechnung zu stellen ist – rücken die in schriftlicher oder anderer medialer Form überlieferten Quellen stärker in den Fokus.

Wie interessant ist das Thema „1945“ für Regionalhistoriker heute (noch)? Gibt es einen Wandel in Bewertung und Einordnung, gibt es neue, zuvor vernachlässigte Betrachtungsweisen?

Das Thema „Kriegsende 1945“ ist nach wie vor sehr interessant, gerade weil es regional noch gar nicht so gut erforscht ist. Eine umfassende Studie über Stadt und Kreis Siegen in der NS- und Kriegszeit gibt es bis heute nicht. Viele Einzelthemen könnten durch die historische Forschung der Vergessenheit entrissen werden. Wir wissen beispielsweise nur sehr wenig über die ersten Tage und Wochen unmittelbar nach Kriegsende. Der Film Monuments Men (über den im Hainer Stollen versteckten Kunstschatz, d.Red.) in 2014 hat gezeigt, wie schnell ein historisches Thema ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten und neue Perspektiven eröffnen kann.

Wenn es nicht 1945 ist: Welche andere Jahreszahl aus der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert würde aus Ihrer Sicht größere Aufmerksamkeit verdienen?

Der Historiker, der Geschichte nicht nur als Abfolge von Ereignissen, sondern als Prozess betrachtet, würde den wichtigsten Eckdaten – 1914, 1918, 1933, 1945, 1970 (Kniefall Brandts in Warschau), 1989 – am liebsten die gleiche Aufmerksamkeit schenken. 1945 ragt in dieser Ereignisfolge als Kulminations- und Wendepunkt allerdings deutlich heraus.

Wann, glauben Sie, wird 1945 vergessen sein?

„Vergessen sein“ wird das Kriegsende 1945 in Deutschland sicherlich nie. Das hat mit den Dimensionen des Krieges, mit der Außerordentlichkeit der Verbrechen des NS-Staates, mit dem Holocaust, der hohen Zahl der Kriegsopfer und dem Grad der Zerstörung von Städten wie Siegen zu tun.