Eine Stadt wirbt um Bevölkerung

Siegen..  Der Großstadtstatus ist dank Zensus dahin, doch Siegen gibt die Sache noch nicht verloren. Schönheitskuren sollen die Stadt langfristig als attraktiven Lebensmittelpunkt etablieren, ein steuerlicher Schachzug Neubürgern die Ummeldung schmackhaft machen. Gerade die Studenten von außerhalb sollen heimisch werden. Fehlt nur noch der komplett fertige Campus Mitte.

Zweitwohnsitzsteuer

Der Verlust des inoffiziellen Prädikats Großstadt scheint auch im Jahr 2014 noch schwer zu wiegen. Die Politik beschließt eine so genannte Zweitwohnsitzsteuer: Zehn Prozent der Nettokaltmiete werden fällig. Die Abgabe, die ab dem 1. Januar erhoben wird, soll auf der einen Seite mehr Geld in die städtische Kasse spülen. Eine verwaltungsinterne Modellrechnung geht von rund 250 000 Euro Mehreinnahmen aus. Viel verlockender ist jedoch die Aussicht darauf, dass die Menschen, die statt die Steuer zu zahlen, ihren Erstwohnsitz in Siegen anmelden, die Stadt wieder über die 100 000-Einwohner-Marke hieven könnten. Unter dem Strich würde das ein Plus von 900 000 Euro ausmachen – allein bei den Konzessionsabgaben.
Bilanz: Die maroden städtischen Finanzen in den Griff zu bekommen, ist ein wichtiges Ziel, das Verwaltung und Politik verfolgen. Ob eine weitere Abgabe allerdings Siegen attraktiver macht, sei dahingestellt.

Satzungen

Ob nun mit erstem oder mit zweitem Wohnsitz: Wer sich für ein Leben in Siegen entscheidet, soll es hier schön haben. Das jedenfalls ist seit einigen Jahren immer wieder seitens der Verwaltung zu hören; und da sich in Zeiten sinkender Bevölkerungszahlen längst abzeichnet, dass die schiere optische und emotionale Attraktivität einer Stadt sich vom weichen zum harten Standortfaktor im Wettbewerb um (Neu-)Bürger entwickelt, führt an der Schönheitskur kein Weg vorbei.

Die Stadt Siegen reagiert mit einer Phalanx von Konzepten und Satzungen, die klar vorgeben, wie die Zukunft im Idealfall aussehen soll. Als ein Kernstück treten im April 2014 die „örtlichen Bauvorschriften für die Siegener Innenstadt“ in Kraft, die festschreiben, welche Um-, An- und Neubauten nun in der City erlaubt sind. Ziel: Die optische Identität der vom Wiederaufbau der 50er Jahre geprägten Mitte erhalten und langfristig rekonstruieren, statt völlige Beliebigkeit zu gestatten. Hinzu kommen das „Handbuch öffentlicher Raum“, das Werbeanlagen und Mobiliar für Außengastronomie reglementieren und wertig in Einklang bringen soll; das Grünflächenkonzept, um die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu erhöhen; das Vergnügungsstättenkonzept, um der Ausbreitung von Spielhallen Herr zu werden; und natürlich das „Integrierte Handlungskonzept Siegen-Innenstadt“, das die Fäden zusammenführt.
Bilanz: Während ungezählte Konzepte auf der Welt in Schubladen versauern, machen Verwaltung und Politik in Siegen zumindest in punkto Stadtbild Nägel mit Köpfen. Das ist nicht unumstritten, denn jede Satzung macht den Bürgern Vorschriften und schränkt (beabsichtigter Weise) ihre Möglichkeiten ein, um das Gesamtbild zu harmonisieren. Aber die Linie, die dauerhaft die Stadt voranbringen soll, ist erkennbar – statt ewigem Gerede gibt es Festlegungen. Wenn das alles in der Realität so läuft, wie auf dem Papier angelegt, würde tatsächlich einiges besser.

Campus Mitte

Bagger am Unteren Schloss, eine Baustelle, auf der sich gut sichtbar etwas tut: Dass der Umbau des historischen Gebäudes für den Einzug der Wirtschaftswissenschaften der Universität Siegen tatsächlich irgendwann Fahrt aufnehmen würde, ist eine der positiven Überraschungen des Jahres. Natürlich war klar, dass das irgendwann kommt; aber angesichts der diversen Verzögerungen des Projekts wegen Abstimmungsbedarf, Fragen des Denkmalschutzes, komplexer werdenden Planungen und, und, und ist ein unübersehbarer Fortschritt dann doch ein echtes Erlebnis für den Beobachter. Zur Erinnerung: Ursprünglich war ein Start des Uni-Betriebs im Unteren Schloss für das Wintersemester 2014/15 angepeilt. Mittlerweile hat der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes, der für den Umbau zuständig ist, den Zeitpunkt auf April 2016 verschoben. Die privaten Investoren, die das ehemalige Stadtkrankenhaus zu einem Teil des künftigen Campus Mitte umgestaltet haben, blieben übrigens im Zeitplan und übergaben die Schlüssel bereits an die Uni Siegen als Mieterin.
Bilanz: Dass es endlich vorangeht mit dem Umbau des Schlosses, ist ein großer Gewinn – denn nicht nur die Uni, auch das Quartier Oberstadt wartet auf den neuen Campus und die 3500 Menschen, die dort lernen, lehren, arbeiten werden. Wermuttropfen: Die immer neuen Verzögerungen. Eigentlich sollte längst alles unter Dach und Fach sein.