Eine „Reise“, die niemals vorbei ist

Die eine wird von Teddy Knut beschützt, die andere vertraut ihrer Waffe: „Die tötet böse Menschen.“Fotos:Steffen Schwab
Die eine wird von Teddy Knut beschützt, die andere vertraut ihrer Waffe: „Die tötet böse Menschen.“Fotos:Steffen Schwab
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Kreuztal..  Kindersoldat sein, sagt Michael Davies, „das ist mehr, als ein Gewehr zu tragen und Leute zu erschießen.“ Mehr — was denn noch? Noch sind es nur fragende Blicke, die sich von den Stuhlreihen der Mensa in der Clara-Schumann-Gesamtschule auf die Bühne richten. Der 36-Jährige, der heute in Hannover lebt, ist vor zwanzig Jahren zu Hause in Sierra Leone von seinem Onkel in die Armee geholt worden ist. Als er fünf Jahre später, inzwischen zum „Kommandanten“ aufgestiegen, flieht, hat er viele Menschen getötet. Wie viele? „Man kann sie gar nicht zählen.“

Zuerst: Wissen

„Dem Krieg die rote Hand zeigen“: Das ist das Programm, das Gesamtschulrektor Christian Scherer vorgibt. Die rund 240 Siebt- und Achtklässler, die neben ihren Mitschülern aus der 12 und auswärtigen Gästen die meisten Plätze in den Stuhlreihen füllen, sind vorbereitet. Wolfgang Hobinka von der Kindernothilfe hat mit ihnen Workshops gestaltet. Klasse für Klasse präsentieren sie auf der Bühne die roten Hände mit ihren Botschaften, die Bundestagsabgeordneter Willi Brase später nach Berlin mitnehmen wird. „Das war uns so nicht bewusst“, berichtet ein Mädchen über die Wirkung dieser Berichte, „das hat uns sehr traurig gemacht.“

Dann: Zuhören

„Ihr habt alles, mein Gott, ey.“ Michael Davies ist nicht traurig. Er darf in Deutschland leben, er hat den Schulabschluss nachgeholt und ist ausgebildeter Speditionskaufmann, und er macht Musik. „I can feel it“, heißt seine CD, und auch in Kreuztal kommt er mit der Gitarre auf die Bühne. „Ich habe meine zweite Chance ergriffen“, sagt er. Warum er dann nicht einfach seinen Job und Musik macht und mit Freunden abhängt? Peer Ball, Lehrer und Vorsitzender des Jungen Theaters, kennt die Antwort auf seine Frage eigentlich schon. „Man muss es einfach erzählen.“ Denn man wird es nie los. Der Filmbericht über ihn, der in Bremen im Regionalfernsehen lief, sagt mehr, als Davies in Kreuztal auf der Bühne erzählt. Über die „Reise“, wie er diese Jahre als Kindersoldat umschreibt. „Wenn man stirbt, ist es gut“, sagt er im Film, „dann hat man seine Ruhe.“ Nichts ist vorbei. „Man schaut in eure Gesichter“, wendet Michael Davies sich an die Mädchen und Jungen vor ihm, fast immer noch staunend, „wie fröhlich ihr seid.“

Schließlich: Miterleben

Die zehn jungen Frauen und zwei jungen Männer auf der Bühne tragen schwarz. Sie nehmen in der nächsten Stunde verschiedene Rollen ein: ehemalige Kindersoldaten, die in der Therapie endlich Kinder sein dürfen, Therapeutin und Klient, Kommandant und (Mädchen-)Braut. Sie berichten, sie träumen, sie tanzen. Die Wirklichkeit macht der Fiktion keinen Platz. Fernsehdokumentationen zwischen den Spielszenen lassen der Hoffnung keinen Raum, hier wäre irgendetwas erfunden. Zu deutlich distanzieren sich die Darsteller von dem, was sie hier aufführen.

„Nicht alle Szenen, die ich für euch spielen werde, machen mir Spaß. Aber ich glaube, dass diese Szenen gespielt werden müssen“, sagt der 22-jährige Philipp. „Wir möchten den Kindern eine Stimme geben“, sagt die 16-jährige Marie. Kindern, die aus Angst vor Träumen nicht mehr schlafen können. Die mit vergewaltigt und bewusst mit HIV infiziert wurden, um Aids zu verbreiten. Die bestialische Misshandlungen gesehen haben. Die gezwungen wurden, die eigenen Verwandten umzubringen. Die hinterher als Verräter aus den eigenen Dörfern verbannt werden. Es gibt Schlimmeres als Menschen zu erschießen. Sagte Michael eben noch.

Finale: Nachdenken

Kaffeestündchen mit Cremetorte, offensichtlich in Deutschland. „Jede Mutter sollte stolz auf ihr Kind sein, dass an der Front kämpft“, sagt die eine zur anderen. „Zum Glück haben wir genug Kinder, sonst hätten wir den Krieg längst verloren.“ Ein öliger Zyniker tritt vor. „Wozu ausgebildete Menschen verheizen?“, fragt der und faselt von Kindern als „stetig nachwachsendem Rohstoff“. Dann der Bruch mit der Rolle, die Frage ans Publikum: „Fühlt ihr euch unwohl?“ Ja, jetzt geht es ihnen nicht mehr gut. Mit den roten Händen allein, so viel scheint klar, kommen sie aus der Nummer nicht heraus. Michael hat übrigens zwar ein Aufenthaltsrecht in Deutschland, aber nicht über den Weg des politischen Asyls. Er habe Angst gehabt zu erzählen, dass er Kindersoldat war.

Der 12. Februar ist „Red Hand Day“

Die Kindernothilfe ist in Deutschland Träger der Aktion „Rote Hand“; weltweit ist seit 2002 der 12. Februar der „Red Hand Day“ gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten. „Eines der schrecklichsten Themen überhaupt“, sagt Wolfgang Hobinka, der sich seit 2004 im Siegerländer Arbeitskreis der Kindernothilfe engagiert. Allein im letzten Jahr haben 4000 Jugendliche in Siegen-Wittgenstein ihren Protest auf rote Hände geschrieben.

Der Verein Junges Theater Siegen bringt junge Menschen zwischen acht und 25 Jahren mit Künstlern und Theaterpädagogen zusammen. Im Rahmen des Geh-Denkens zum Jahrestag der Bombardierung Siegens haben sie biografische Szenen gespielt, im Aktiven Museum haben sie die Stolpersteine zu ihrem Thema gemacht.

In Schulen und Jugendtreffs wollen die zwölf Akteure, die von der Clara-Schumann-Gesamtschule, der Realschule am Schießberg, dem Evangelischen Gymnasium, den Gymnasien Stift Keppel und Am Löhrtor kommen, ihr Stück über die Kindersoldaten von Maxi Obexer aufführen. Theaterpädagoge Lars Dettmer hat es mit ihnen an fünf Wochenenden in der Kreuztaler Jugendbegegnungsstätte erarbeitet; gefördert wird es aus Landesmitteln über den Verein „Engagement Global“.