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UN-Simulation

Einblick in das Wesen Nordkoreas

24.03.2016 | 15:10 Uhr
Einblick in das Wesen Nordkoreas
Intensive Vorbereitung liegt hinter der Model-United-Nations-Gruppe der Universität Siegen. Um bei der UN-Simulation in New York die Rolle Nordkoreas perfekt ausfüllen zu können, waren intensive Recherchen notwendig.Foto: Florian Adam

Siegen.   Die Rolle ist begehrt, und eine Gruppe Siegener Studenten hat sie bekommen: Beim größten EU-Planspiel der Welt vertreten sie Nordkorea. Eine besondere Erfahrung!

Die Guten, die kann irgendwie jeder spielen. Aber die Rolle des Bösewichts, des Superschurken, die ist eine Herausforderung. Eine 15-köpfige Delegation der Uni Siegen reist zur größten Simulation der United Nations in New York, um dort die Positionen und Interessen eines Landes zu vertreten, das in der westlichen Welt keine Sympathien genießt: Nordkorea.

„Das ist natürlich der Jackpot für uns.“ (Gerrit Pursch, Politikwissenschaftler und Betreuer der Projektgruppe der Model United Nations (MUN) an der Uni Siegen)

Zum siebten Mal ist eine Gruppe der Uni Siegen in New York dabei. Nordkorea stand nicht zum ersten Mal auf Platz 1 der Wunschliste, die die Siegener – wie alle Delegationen – bei ihrer Anmeldung einreichten. Diesmal gab es aber für den Top-Favoriten den Zuschlag. Dabei, da ist Pursch sicher, stand Nordkorea bei vielen der weltweiten Teilnehmer an der Spitze. Aus guten Gründen.

„Das ist die beste Möglichkeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Nordkorea ist sehr anders.“ (Benjamin Wrigley, Vorsitzender der Delegation und Maschinenbau-Student)

Die UN-Simulationen der Model United Nations sind originalgetreu. Es gelten Verhaltensregeln, Vorgaben und Kleiderordnung realer UN-Sitzungen. Die Teilnahme erfordert enorm viel Recherche und Arbeit im Vorfeld, denn die Studenten sollen ihr zugeteiltes Land so realistisch wie möglich in den verschiedenen Komitees und Versammlungen vertreten. „Es ist leicht, die USA zu sein. Deren Positionen hören wir andauernd“, sagt Taurai Kachipare-Pfaffe, Wirtschaftsrecht-Studentin. „Es ist aber wichtig zu realisieren, dass es noch eine andere Stimme gibt. Und auch die muss gehört werden.“ Wie die Delegierten persönlich über die Inhalte denken, ist für das Spiel dabei nicht relevant.

„Es ist ein Lernprozess. Als Diplomat muss man ein Land repräsentieren. Wir müssen etwas vertreten, auch wenn wir selbst vielleicht niemals daran glauben würden.“ (Martin Nawade, studiert Sozialwissenschaften)

Auch er, räumt Martin Nawade ein, habe anfangs die Einstellung gehabt, „dass wir als Nordkorea die Bösen sind“. So einfach sei die Sache aber nicht. In westlichen Medien taucht das Land in der Regel nur in Verbindung mit Atomwaffenprogrammen und Menschenrechtsverletzungen auf; aber in anderen Bereichen, etwa Umweltschutz, „macht Nordkorea einiges oder versucht einiges zu machen“. An Informationen zu gelangen ist in diesem besonderen Fall nicht so einfach – denn, das gibt Nawade zu bedenken, auch der Westen hat von diesem Land ein medienvermitteltes Bild, das bestimmte Aspekte betont, andere aber ausblendet. Und die Öffentlichkeit hier glaubt solchen Darstellungen ebenso, wie viele Menschen in Nordkorea auf ihre Medien vertrauen.

„Es ist eigentlich gar nicht so schwer: In vielen Fragen nehmen wir einfach das Gegenteil von dem, was wir persönlich denken.“ (Miriam Holtkamp, studiert Sozialwissenschaften)

Es geht nicht um die Identifikation mit nordkoreanischen Haltungen. Es geht um ein Eintauchen in nordkoreanisches Denken; darum es zu verstehen und in New York glaubhaft auftreten zu können. „Nordkoreanische Atomwaffen sind aus deutscher Sicht ein Problem, aus Angst vor einem Krieg“, erläutert Holtkamp. Nordkorea aber fordere das Recht, nukleare Waffen zu besitzen, da andere Staaten dies auch für sich in Anspruch nehmen. Auch in einem anderen grundlegenden Punkt müssen die Studenten sich für ihre Rolle vom westlichen Standard lösen, denn Nordkorea pflegt ganz andere Feindbilder: die USA, Japan, Südkorea.

„Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe vieles nicht hinterfragt und als selbstverständlich hingenommen. Jetzt denke ich etwas anders.“ (Larissa Jacobs, studiert Literatur, Kultur, Medien)

Lokales
Langjährige Erfahrung

Die Model United Nations-Konferenz in New York ist mit mehr als 5000 Teilnehmern – mehr als die Hälfte davon laut offizieller Homepage von außerhalb der USA – die größte UN-Simulation weltweit.

Die Siegener MUN-Gruppe vertrat dort in den vergangenen Jahren unter anderem Malaysia, Togo und Oman.

Die Teilnehmer behandeln in New York eine Vielfalt an Themen in diversen Komitees und Versammlungen: Massenvernichtungswaffen, Umweltfragen, erneuerbare Energien.

Schnell wird klar: Eine derart intensive Beschäftigung mit einem gänzlich anderen Regierungs- und Gesellschaftssystem wirft Fragen auch über die eigene Lebensrealität auf – und über die Rolle, die die tägliche Medienberichterstattung dabei spielt. „Vieles passiert auch hier hinter verschlossenen Türen und wird nicht öffentlich gemacht“, sagt Miriam Holtkamp. „Amnesty International zum Beispiel ist auch in Westeuropa tätig und weist auf Menschenrechtsverletzungen hin. Uns wird aber eher mitgeteilt, dass Nordkorea Atomwaffen testet.“ Doch der eingehende Blick nach Fernost lenkt den Fokus auch auf viele Vorzüge, die Deutschland bietet. „Man lernt die Demokratie mehr zu schätzen“, sagt Daniel Schmuck, Student der Sozialwissenschaften.

„Jedes Land hat gute und böse Seiten. Darum müssen wir auch in jedem Land etwas verbessern.“ (Rhys Scott, Maschinenbaustudent)

Als Vertreter Nordkoreas – dieser Gefahr sind sich die Siegener bewusst – könnte der Delegation in New York frostige Stimmung seitens der übrigen Teilnehmer entgegenschlagen. „Alle halten uns für die Bösen. Trotzdem müssen wir andere dazu bringen, mit uns zusammenzuarbeiten“, hebt Lucia Morales Lizarraga, Studentin des Fachs „Roads to Democray(ies)“, hervor. Auch darin liege eine große Herausforderung. „Am Ende des Tages“, sagt Delegationsvorsitzender Benjamin Wrigley, „müssen wir unsere Positionen durchsetzen.“ Es ist ganz einfach Politik.

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Florian Adam

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2016-03-24 15:10
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