Ein langer Weg über die Barrieren hinweg

Rollstuhl-Parkplatz vor dem Rathaus: Nur das Ausladen wird schwierig im manchmal allzu zügig vorbeirauschenden Verkehr. „Das hätte mich beinahe schon einmal die Heckklappe gekostet“, erzählt Wolfgang Merdes.
Rollstuhl-Parkplatz vor dem Rathaus: Nur das Ausladen wird schwierig im manchmal allzu zügig vorbeirauschenden Verkehr. „Das hätte mich beinahe schon einmal die Heckklappe gekostet“, erzählt Wolfgang Merdes.
Foto: WP

Netphen..  Man merkt ihm an, dass er Lehrer war: Wolfgang Merdes ist ein unendlich geduldiger Mensch – auch in seinem Ehrenamt als Behindertenbeauftragter der Stadt Netphen, das er seit nunmehr vier Jahren versieht. Jetzt steht ihm ein „Forum zur Gestaltung und Umsetzung einer behindertenfreundlicheren und -gerechteren Stadt Netphen“ zur Seite. Schon die vorsichtige Formulierung macht die reduzierte Erwartung deutlich: „Das wird ein langwieriger Weg“, ahnt Merdes. Es ist ja auch noch gar nicht lange her, dass die Stadt ihren neuen Obernetpher Marktplatz gepflastert hat — und dabei Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen vergaß.

Zum zweiten Mal hat sich jetzt das Forum getroffen, in dem Politik, Verwaltung, die Experten in eigener Sache – also Menschen mit körperlichen Einschränkungen —, die organisierten Interessenvertretungen wie VdK, Vergissmeinnicht und Invema und die Uni zusammenarbeiten. Letztere ist diesmal nicht durch Prof. Dr. Albrecht Rohrmann, den Inklusions-Fachmann, vertreten, sondern durch eine Gruppe von Studentinnen, die die Umsetzung der Theorie in die Praxis interessiert: „Wir wollen sehen, wie das real abläuft.“

Die Probleme

Die Frauenarztpraxis des Medizinischen Versorgungszentrums des Marienkrankenhauses: „Da kommt keiner rein, der nicht Treppen steigen kann“, stellt Merdes fest. Die Rampe führt bis vor die Tür, „dann ist Feierabend.“
Der Zahnarzt in Dreis-Tiefenbach: „Da kommt ein Behinderter gar nicht rein“, berichtet UWG-Stadtverordneter Klaus-Peter Wilhelm. Das liege nicht an dem Arzt, sondern an seinem Vermieter.
Das Freizeitbad: „Da steht man recht lange“, sagt Christina Jaeschke vom Verein Invema. Sie kritisiert eine fehlende Bordsteinabsenkung. „Und schaut mal, ob ihr die Behindertenparkplätze nicht mehr in Richtung Eingang schieben könnt“, bittet Wolfgang Merdes die Politiker, die die Stadt in der Gesellschafterversammlung der Freizeitpark Obernautal GmbH vertreten. Eine weitere Nachfrage gilt dem Lift am Beckenrand: Den vermisste Merdes schon bei seinem Amtsantritt.
Der Zugang zum Rathaus: Wer vom Rathaus(park)platz ins Rathaus will, muss lange warten. „Da fährt keiner 30.“ Und eine Querungshilfe gibt es nicht. „Ich habe auch schon vor dem Haus gestanden und gestaunt“, bestätigt CDU-Fraktionsvorsitzende Alexandra Wunderlich und schlägt „Kölner Teller“ als Fahrbahnschikanen vor. Nachdem ein betagter Fußgänger darüber gestolpert war, sei die Stadt mit dem Vorwurf fahrlässiger Körperverletzung konfrontiert worden, berichtet Bürgermeister Paul Wagener.
Die Gastronomie: „Ich habe mir die Finger wund gewählt“, berichtet Helga Vicente von der Suche nach Lokalitäten, in denen Gäste auch mit schweren Rollstühlen zurechtkommen. Sie ist Kontaktfrau der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke, und sie hat eine Lösung für ihre Selbsthilfegruppe gefunden: „Wir gehen nur noch nach Wilnsdorf in den Autohof.“ Wolfgang Merdes weist auf die Hilchenbacher Arbeitsgruppe Barrierefreiheit hin, die eine Bestandsaufnahme der dortigen Gastronomie gemacht hat (und gerade eine für die Einkaufsmöglichkeiten folgen lässt). „Das wäre doch garantiert auch für Gastronomen keine schlechte Werbung.

Die Lösungen

Der barrierefreie Stadtplan: Das Hilchenbacher Projekt steht Pate. Aufgelistet werden soll, wo die barrrierefreien Wege, Haltestellen, Läden, Restaurants, Praxen, Veranstaltungsräume sind und mit welchen Einschränkungen oder Unterstützungsangeboten die Nutzer rechnen können. „Dazu brauchen wir die Hilfe der Bürger“, sagt Wolfgang Merdes. Für die Materialsammlung sollen auch die Ortsbürgermeister gewonnen werden — zum Beispiel, sagt er, wie man denn in Hainchen mit Rollstuhl ins Gasthaus kommt. „Da gibt’s nichts mehr“, sagt die Studentin aus Hainchen. Womit das schon erledigt wäre.
Die Fahrplanauskunft: Das Forum hat sich bei den Verkehrsbetrieben Westfalen-Süd (VWS) schlau gemacht. Die seien „froh und erfreut“ über das Interesse an der elektronischen Auskunftsanlage, wie sie in Siegen am Kölner Tor ausprobiert wird, berichtet Merdes. In Frage kämen die Haltestellen an der Restbrücke und am Rathaus. Thema war auch eine barrierefreie App fürs Smartphone. Offen ist, ob und wann das kommt.
Mobile Induktionsgeräte: „Es wäre sinnvoll, Tagungsräume und das Bürgerbüro damit auszustatten“, sagt Wolfgang Merdes – eine Technik, die Menschen mit Hörhilfen die Aufnahme von Sprachsignalen erlaubt. In größeren Veranstaltungsräumen und Kirchen werden für diesen Zweck Induktionsschleifen fest installiert.
Treppenlifte: Hier und da gibt es Initiativen. Klaus-Peter Wilhelm (UWG) berichtet über das Franziskushaus tief unter der Kreuztaler Straßen in Dreis-Tiefenbach. Die Kirchengemeinde plane, „aber das wird noch eine Zeitlang dauern.“
Absenkung von Bordsteinen: Wenn Straßenerneuerungen geplant werden, sei er vorher oft mit den Planern unterwegs, berichtet Wolfgang Merdes. Manchmal gehe das aber technisch einfach nicht, wie zum Beispiel gerade beim Brückenbau in Eckmannshausen: „Da muss man Zugeständnisse machen.“

Die Arbeitsaufträge sind verteilt, die Gruppe scheint zufrieden. „Wir sind weit davon entfernt, perfekt zu sein“, sagt Wolfgang Merdes, „auch aus Fehlern kann man lernen.“ Zu besichtigen auf dem Heimweg: die soeben gelieferte Rollstuhlrampe, die die Stufen zum Sitzungsraum überwindet, der unter anderem auch Trauzimmer ist. Damit niemand drüber stolpert, ist der Flur mit Flatterband abgesperrt.

Bitte kein Foto von diesem Monstrum in der Zeitung — Heike Büdenbender, der Bereichsleiterin für Soziales, ist das peinlich. Zu Unrecht. Schämen könnten sich die, die das Rathaus vor gerade erst zehn Jahren so umgebaut haben. Gut, dass Wolfgang Merdes Nachsicht übt.

Sprechstunden am ersten Donnerstag

Sprechstunden des Behindertenbeauftragten sind an jedem ersten Donnerstag eines Monats von 9.30 bis 12 Uhr im Raum 3205 des Rathauses, 02738/603-270.

Der Unglinghausener Wolfgang Merdes war Lehrer am Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung und Behindertenbeauftragter fpr die 53 Berufskollegs im Regierungsbezirk Arnsberg.