Ein Kapitän geht von Bord

Eugen Olszowy mit seiner „BASS“, der „Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften“.
Eugen Olszowy mit seiner „BASS“, der „Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften“.
Foto: WP

Dreis-Tiefenbach..  Seinen 65. Geburtstag hat er längst gefeiert, am Donnerstag wird er in den Ruhestand verabschiedet. Weil sein Herzinfarkt und das Beamtenrecht ihm das nahe legen. Sonst wäre er bestimmt noch gerne geblieben an seiner Grundschule, mit der schönen Adresse „Im Storchennest 1“, die er 24 Jahre geleitet hat. „Einen schöneren Arbeitsplatz gibt es nicht“, sagt Eugen Olszowy.

Ein Gesprächüber Schafe

„Ich war zuständig für 20 Schafe.“ Groß geworden ist Eugen Olszowy auf einem Bauernhof im schlesischen Fröhlichsdorf. Der Name soll abfärben: „Immer versuche, das Gute zu sehen — das habe ich für mein ganzes Leben übernommen.“ Zweisprachig ist er aufgewachsen, in der polnischen Grundschule trat das Deutsche zurück. „Der Akzent ist geblieben, in Schlesien wird halt alles ein bisschen härter ausgesprochen.“

... über das Singen

Singen kann er nicht. Deshalb wurde der 14-jährige Eugen nicht auf dem pädagogischen Lyzeum aufgenommen, deshalb wäre er in Polen nie Lehrer geworden, der mindestens das Geigenspiel beherrschen musste. Die Schlosserlehre machte Eugen Olszowy auch nicht zu Ende. 1965 reiste die zehnköpfige Familie aus. Durchgangslager Friedland, 50 Quadratmeter Notwohnung in Bochum, dann das Internat. Eugen Olszowy zog ins Schülerwohnheim, mietete sich später ein möbliertes Zimmer, machte am Hilchenbacher Jung-Stilling-Gymnasium, das einen Aufbauzweig für jugendliche Aussiedler hatte, sein Abitur. 1974 war Olszowy nach dem Studium auf dem Haardter Berg Grund- und Hauptschullehrer.

... über die Grundschule

Die Grundschule sollte es sein, von Anfang an. Und Eugen Olszowy sieht sich im Rückblick bestätigt. „Man bekommt unheimlich viel von den Kindern zurück“, sagt er, aber auch von Eltern und Kollegen: „An keiner anderen Schulform bekommen Lehrer so viel Anerkennung.“ 1974 waren Lehrerstellen knapp. Olszowy half zunächst an der Sonderschule in Littfeld aus, kam dann zur damals sechszügigen Grundschule an Dreslers Park in Kreuztal, wo er 1986 Konrektor wurde. 1988 wurde er Rektor in Krombach. Nebenan in Littfeld war die Sonderschule ausgezogen, das Gebäude war Flüchtlingsunterkunft. „Das hat den Dörflern nicht geschmeckt“, sagt Eugen Olszowy, als er von der Elterninitiative berichtet, die die Gründung einer evangelischen Grundschule durchsetzte. Auf einmal war Krombach — die Schule ist heute Kita — zu klein für einen Rektor. „Plötzlich war ich Unterbringungsfall.“ Im November 1991 kam Eugen Olszowy nach Dreis-Tiefenbach.

... über Vielfalt

„Es hat mir sehr geholfen, dass ich Polnisch und Russisch konnte.“ Keine 25 Jahre nach der eigenen Übersiedlung öffneten sich die Grenzen im Osten, danach war zehn Jahre Bürgerkrieg auf dem Balkan, heute kommen Flüchtlinge aus Syrien und Nordafrika. Jedes zweite Kind an der Schule hat einen „Migrationshintergrund“, jedes dritte von ihnen wurde nicht in Deutschland geboren. Die Sprache lernen sie in der Kleingruppe. Wer begabt ist, kommt schnell zurecht. „Es gibt aber auch immer noch Kinder, deren Eltern als junge Erwachsene hergekommen sind und immer noch kein vernünftiges Deutsch können.“ Für Kinder, sagt Eugen Olszowy , ist es kein Thema, dass sie so verschieden sind. „Die kennen das gar nicht anders. Es sind eher die Erwachsenen, die Probleme machen.“

... über Frau Müller

„Ich will da unbedingt rein.“ Den Film „Frau Müller muss weg“ mit Anke Engelke über die Grundschuleltern, die der Klassenlehrerin ihrer Kinder an den Kragen gehen, kennt Eugen Olszowy noch nicht. Aber das Thema: Eltern, die ihren Kindern am liebsten auch noch im Unterricht assistieren würden. „Dabei ist es eine unserer wichtigsten Aufgaben, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen.“ Dennoch: Die Eltern, die sich engagieren, sind dem Pädagogen allemal lieber als solche, die sich gar nicht für die Schule interessieren. Das Zusammenspiel läuft, gemeinsam erreicht haben sie viel über die Jahre.

... über Donata

Fast 300 Kinder gingen 1991 in Dreis-Tiefenbach zur Schule, die gerade einen neuen Anbau bekam — und der für immer die Turnhalle fehlen wird, weil der Stadt ein Kunstturnleistungszentrum unten im Ort wichtiger war. Heute ist die Schule mit 180 Kindern immer noch voll, weil der offene Ganztag Platz braucht: Dreis-Tiefenbach, seit 2006 als Dreisbachtalschule mit Eckmannshausen, hat mittlerweile stadtweit das größte Betreuungsangebot. „Ich bin relativ zuversichtlich, dass das noch eine Weile weitergeht“, sagt er über seine Sicht auf die kleine Dependance im Nachbardorf mit 80 Schülern. Eugen Olszowy wird das als Skipper erleben: Donata heißt sein kleines Schiffchen auf der Bigge, Donata wie Olszowys früh verstorbene Schwester. Ein Kapitän geht von Bord.

Nachfolge ist noch nicht geregelt

Die Entscheidung über die Nachfolge von Eugen Olszowy ist noch nicht gefallen. Die Stelle wurde bisher zwei Mal ausgeschrieben. Beim ersten Mal gab es keine Bewerbung, beim zweiten Mal eine, die allerdings von der Schulkonferenz abgelehnt wurde.

Neue Konrektorin wird Bettina Philipp-Harth, die von der Förderschule Am Sterndill als Sonderpädagogin in das Dreis-Tiefenbacher Kollegium gekommen ist.