Ein Fußtritt, der Angst macht

Dieser Tritt ist anders – und macht trotzdem Angst: Trainer Bahman Pournazari (links) setzt jeden Jungen und jedes Mädchen, mit dem Kissen vor der Brust, dem Fuß von Kickboxer Waldemar Freund aus.
Dieser Tritt ist anders – und macht trotzdem Angst: Trainer Bahman Pournazari (links) setzt jeden Jungen und jedes Mädchen, mit dem Kissen vor der Brust, dem Fuß von Kickboxer Waldemar Freund aus.
Foto: WP

Eichen..  Die Klasse 8 im Stuhlkreis, gestern die 8 a, heute die 8 b. Sozialpädagoge Bahman Pournazari beginnt mit der ersten Runde des Anti-Gewalt-Trainings. Erfahrungen mit Gewalt? „Ich habe noch keine Gewalt erlebt“, behauptet eine 15-Jährige in der Runde. Wenn das stimmt, wäre sie die einzige. Andere zögern. Auf dem Schulhof geboxt werden — ist das schon Gewalt? Es kommt drauf an, wer was darunter versteht. Jetzt am Morgen. Und heute Nachmittag, wenn die Jugendlichen sich darüber ausgetauscht haben, wie sie nicht nur Körper, sondern auch Seelen verletzen können.

„Für mich ist Gewalt, wenn man stark blutet.“ Die Definition des 15-Jährigen steht im Raum. Die Mädchen und Jungen sprechen leise, manchmal kaum verständlich. Ihre Berichte sind wuchtig: die Schlägerei auf dem Sportplatz, die für einen Kontrahenten im Krankenhaus endet — „drei Wochen später ging der wieder auf mich los.“ Sie habe eine Freundin geschlagen und getreten, berichtet ein Mädchen. „Die hatte einfach Scheiße über mich gelabert.“ Von der Ohrfeige, die sie einem Typen verpasst habe, erzählt eine Mitschülerin. „Danach fand ich das an mir selber scheiße.“ Stolz ist hier niemand in der Runde auf das, was er preisgibt. Warum, fragt Bahman Pournazari hin und wieder nach. „Weil das so ist.“

Draußen: Der Frust und die Wut

Draußen auf dem Flur, während die Gruppe drinnen mit ihrer Klassenlehrerin Inga Stein eine Filmsequenz anschaut: „Gewalttäter sind immer auch Gewaltopfer“, weiß Bahman Pournazari, der beim Kinder- und Jugendschutz des Kreisjugendamts arbeitet. Christoph Woller, Mitarbeiter der Stadtjugendpflege, weiß aus der Arbeit des Jugendtreffs, was die jungen Menschen umtreibt: Schulfrust, schwache Berufschancen, „das macht traurig, das macht auch Angst.“ Schon allein sprachlich nicht verstanden werden — das ist ein Problem, das junge Migranten zusätzlich haben: „Das macht wütend.“ Und dann gibt es bestimmt noch ganz andere Gründe: Über Gewalt zu Hause spricht an diesem Vormittag niemand — dafür ist dieser Raum nicht genug geschützt.

Drinnen: Die Angst und die Tritte

Drinnen in der Klasse: Bahman Pournazari will Achterbahn fahren. Wer wissen will, wie das ist, muss einmal eingestiegen sein. Die „Achterbahn“ des Trainers ist ein Kissen, das jeder Junge und jedes Mädchen zum Schutz vor sich hält, bevor Waldemar Freund, Kickboxer und Judo-Trainer, seinen gepolsterten Fuß einmal gegen die Brust und einmal in die Seite des Gegenübers setzt. „Lustig“, sagt der erste Junge, der sich darauf eingelassen hat, getreten zu werden, mit Ansage und ohne jedes Verletzungsrisiko.

Aber lustig bleibt es nicht. „Obwohl das sicher war, gab es auch das Gefühl von Angst“, hält Pournazari der Runde entgegen. So viel Angst, dass sich einige Mädchen verweigern. „Ich weiß, wie das ist“, sagt eine Schülerin. „Ich habe Angst“, sagt eine andere. Nicht nur vor dem Schlag, sondern vor der folgenden, eigenen Reaktion: „Weil ich sonst austicke.“ „Gewalt und Aggression“, so fasst der Trainer das gerade Gelernte zusammen, „haben immer auch mit Angst zu tun.“

Draußen: Die nächsten Lektionen

Draußen auf dem Flur: In den nächsten Stunden wird es um seelische Gewalt gehen. Viele sagen Mobbing. „Ich mag diese Worthülse nicht“, sagt Bahman Pournazari. Am Nachmittag dann um Strategien, wie Gewalt vermieden werden kann. Das beginnt damit, aufmerksam zu werden für Blicke, Gesten und Körperhaltungen des anderen. Und danach? Weiter lernen, stark zu werden — unten im Catch Up zum Beispiel. Der Raum, um darüber zu reden.