Ehe-Wahnsinn bissig aufs Korn genommen

Siegen..  Auf der Bühne ist Drama und Tragödie leicht, Komödie schwer. Nach der seichten Albernheit „4 nach 40“ vom Theater am Kurfürstendamm im Februar nun „Doppelfehler“. Da ist Skepsis nicht grundlos. Doch schnell zeigt sich: Dieses Stück bietet mehr, nämlich den alltäglichen Ehe-Wahnsinn mit ständigem Streit um Nichtigkeiten, Versöhnungen, Neuanfängen, mitten aus dem Leben gegriffen, ironisch-bissig aufs Korn genommen.

Edles Porzellan in Scherben

Wie das Leben so spielt: Sandra, neu verheiratet mit dem grundsoliden Henrik, fortan „Dingsbums“ genannt, und Max, liiert mit der sehr jungen Jenny, treffen sich nach Jahren zufällig im Restaurant. Während ihre Partner auf der Toilette sind, ergibt sich ein Gespräch. Fazit ihrer gemeinsamen Zeit: Sie wollte ein Kind, er nicht. Ihr Sex hat sich auf Kalorienverbrennung reduziert. Die Ehe war ein Fehler.

Doch die Neugier aufeinander ist entfacht. Sie treffen sich. Sandra pünktlichkeitsbesessen, Max 48 Minuten zu spät. Verhaltensmuster, die sie schon kennen. Nächstes Date: Im Schlafzimmer von Max.

Doch nichts klappt. Er: „Dieser Nachmittag war ein kolossaler Fehler.“ Sie: „Halt wenigstens die Ohren steif.“ Eine Frau zwischen zwei Männern. Sandra wählt nicht „Dingsbums“, die sichere Variante, sondern spielt Risiko. Sie geht zurück zu Max. Eine Reise soll die neue Zukunft einläuten. Aber was in Paris, Rom, Venedig Glück verspricht, muss zu Hause lange nicht klappen. Jeder ist genervt von den Eigenarten des anderen. Max: „Ich werde den Klodeckel runterklappen, wenn du mir versprichst, sorgsamer mit den Teetassen umzugehen. Die hat mir Jenny geschenkt.“ Und von dem edlen Porzellan bleiben nur noch Scherben.

Das war’s dann wohl? Noch nicht. Gregor, der Psychoanalytiker, versucht zu kitten. Doch wenn selbst ein Experte scheitert, gemeinsame Theaterbesuche im Streit enden, hilft nur noch Scotch oder Gin. Vorläufig letzter Dialog. Sie: „Ich bin schwanger.“ Er: „Du bist zu alt.“ Sie: „Ich bin im 3. Monat.“ Er: „Ist es von Henrik?“ Schweigen. Musik in Moll verkündet den Doppelfehler. Doch so kann eine Komödie nicht enden. Zwei Jahre später. Seine Neue: Jessica. Ihr Alter: Henrik. Der Abschied: Nicht ohne Wehmut. Mögen die Wulffs mehr Glück haben.

Dass mancher „Running Gag“, wie etwa der ständig klemmende Reißverschluss an Max’ Hose, etwas totgeritten wird und sich einige Dialoge zu penetrant unter der Gürtellinie bewegen, sei der Inszenierung verziehen, zumal das Publikum offensichtlich seinen Spaß hatte.

Kein Doppelfehler

Hinzu kam das Vergnügen, zwei hervorragenden Schauspielern, deren Figuren mit ihren Eigenarten aufeinandertreffen, bei der Arbeit zuzusehen: Sandra, rigoros-genau, was Zeit angeht, auf der Suche nach Harmonie und Geborgenheit, Max, pingelig-pedantisch in den eigenen vier Wänden, ansonsten ein Weiberheld. Nicola Ransom und René Steinke geben diesen Figuren zwei Stunden lang überzeugend Fleisch und Blut.

Gründlich ausgebildet an renommierten Schauspielschulen zeigen sie, dass neben vielen Film- und Fernsehrollen ihre eigentliche Liebe die Bretter der Theaterbühne sind. Es war kein Doppelfehler, an diesem Abend ins Apollo zu gehen.