Diskussion: Wie viel "Blech im Gesicht" verträgt der Job?

Die Haarfarbe nicht ganz naturnah, Piercings an drei Stellen, extrem geweitete Ohrläppchen - eine hübsche, modische  junge Frau oder katapultiert sie sich so aus dem Berufsleben? Die Ansichten sind geteilt.
Die Haarfarbe nicht ganz naturnah, Piercings an drei Stellen, extrem geweitete Ohrläppchen - eine hübsche, modische junge Frau oder katapultiert sie sich so aus dem Berufsleben? Die Ansichten sind geteilt.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
  • Arbeitgeber muss berechtigtes Interesse haben, Bewerber mit Tattoos abzulehnen.
  • Beim Vorstellungsgespräch zählt der erste Eindruck.
  • Respekt zeigt sich nicht an der Frisur.

Siegen/Olpe.. So viel Wirbel hat lange keine Einladung mehr ausgelöst. Der Wendener Unternehmer Henning Zoz hatte, wie berichtet, Siegener Schülern die Teilnahme an einem Symposium für Nanotechnologie angeboten – allerdings nicht „Menschen mit bunten Haaren, Blech im Gesicht“ und solchen, die „die Hose kaum auf den Hüften halten können“. Seitdem hat sich vor allem in den sozialen Netzwerken eine lebhafte Diskussion entwickelt. Zustimmung und Ablehnung halten sich die Waage. Wir haben nachgefragt: Welche Rolle spielen Körperschmuck und Frisuren heute in der Arbeitswelt?

Der Arbeitsrechtler

Diskriminierung „Ein Arbeitgeber kann Bewerber mit Tattoos und Piercings dann ablehnen, wenn er ein berechtigtes Interesse hat“, sagt Christof Böhmer, Rechtsanwalt der Düsseldorfer Kanzlei ABW. Eine Bank etwa kann einfordern, dass ihre Angestellten keine Piercings tragen, damit das Kundenvertrauen nicht geschädigt wird. In Branchen, in denen kein Kundenkontakt gepflegt wird, hat das Argument keine Relevanz. Das gilt ebenfalls, wenn der Körperschmuck des Bewerbers nicht sichtbar ist.

Die Berufsberaterin

„Wir haben selten Extreme“, sagt Sabine Rausch-Klose. Sie ist Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur in Witten und Hattingen. Und wenn ein Mädchen mit rosa oder blauen Haaren und einem Nasen-Piercing auftauche, komme es eben darauf an, was ihr Berufsziel sei: „Im Sozialbereich, etwa in der Altenpflege, sind andere Qualitäten wichtiger. Im Verkauf oder in der Verwaltung ist das anders.“

Und im Handwerk? „Beim Zerspanungstechniker in der Fabrik gelten andere Regeln als beim Installateur, wo die alte Dame einen Schreck bekommt, wenn der Azubi mit dem Irokesen auftaucht.“ Das müssten die Berufsberater schon ansprechen - „in netter Art und Weise“. Manche Jugendliche sähen ein, dass gerade beim Vorstellungsgespräch der erste Eindruck wichtig sei, andere sagten: So bin ich. „Das wird dann manchmal problematisch.“ Andererseits sollten Bewerber sich auch nicht verkleiden. „Man kann versuchen, einen Mittelweg zu finden.“

Der Unternehmer

Facebook Für Carlo Cronenberg aus Arnsberg gibt es keine pauschale Ansage. „Es gibt Jobs, etwa im Außendienst, in denen es mehr auf die äußere Erscheinung ankommt als zum Beispiel in der EDV“, sagt er. Im Marketing oder der Grafik seien kreative Leute gefragt – und Körperschmuck könne dafür ein Anzeichen sein. Also individuell abwägen. „Ich wurde anders sozialisiert. Aber ich will ja niemanden einstellen, der so ist wie ich.“

Der Tätowierer

„Es gibt Leute, die vorsichtig sind – aber sie werden weniger.“ Das sagt Gilbert Schütz – und der muss es wissen. Schütz ist der Inhaber von „Gill’s Bodyart“, einem Tattoo- und Piercingstudio in Bad Fredeburg. Zu ihm kämen auch Menschen im Maßanzug. Polizisten, Anwälte, alles dabei. Kunden fragten ihn als Experten gezielt nach der Vereinbarkeit mit dem Job – „aber das nimmt ab“, sagt Schütz.

Was Vertreter von IHK und Polizei sagen

Anti-Diskriminierungsstelle

„Ein Unternehmer kann von seinen Angestellten durchaus ein bestimmtes Erscheinungsbild verlangen. Gleiches gilt bei der Auswahl von Praktikanten oder Seminarteilnehmern“, erklärt ein Sprecher der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit Sitz in Berlin. „Ob man solche Vorgaben allerdings für zeitgemäß und pädagogisch sinnvoll hält, steht auf einem anderen Blatt.“

Polizei und Bundeswehr

Diskriminierung Die Polizei ist deutlich: „Tätowierungen und Piercings im sichtbaren Bereich sind nicht zulässig“, heißt es in NRW. Sichtbar bedeutet: unter dem kurzen Sommerhemd. Bei der Bundeswehr sind Tattoos am Hals, auf den Händen oder im Gesicht „in geeigneter und dezenter Weise abzudecken“, Piercings stets abzulegen und Tunnel im Ohrläppchen durch eine „hautfarbene Abdeckung“ zu tarnen.

Der IHK-Geschäftsführer

Klaus Gräbener aus Siegen ist nah an den Unternehmen der Region, und von dort werde zunehmend gespiegelt, dass Firmen unzufrieden sind mit jungen Leuten. Nicht, weil sie gepierct sind oder bunte Strähnen tragen: „Manche grüßen einfach nicht“, sagt Gräbener. Und betont: Hier handle es sich um einen kleinen, wiewohl wachsenden Teil junger Arbeitnehmer. Es gehe um Umgangsformen. Kappe ab, beim Grüßen anschauen, Pünktlichkeit – andere Verhaltensmuster könne die Wirtschaft nicht gebrauchen. Körperschmuck spiele in den meisten Betrieben keine Rolle.

„Sie machen keinen schlechten Eindruck, sie machen einen Eindruck von Andersartigkeit“, sagt Gräbener. Anders, nicht schlecht. Gerade jungen Schülern müsse das zugestanden werden. Und überhaupt: „Respekt zeigt sich nicht an der Frisur. Von Einsteins Haarpracht auf seine Leistungsfähigkeit zu schließen, wäre falsch.“ Zu einer freien Gesellschaft gehöre es, selbst zu entscheiden, wie man sich schmückt - und zu akzeptieren, dass nicht jeder das gut findet.