„Dii Bollizeih iss dah“

Foto: Wolfgang Leipold

Siegen..  Die Bühne in schönstem Blumenschmuck. Ein roter Teppich bedeckt den Boden. Auf dem Tisch steht nicht die obligatorische Flasche Fachinger ohne Kohlensäure sondern Weißwein, gut temperiert in einem Kühler. Das würdige Ambiente für Harald Martenstein.

Der 1953 in Mainz geborene Martenstein studierte nach dem Abitur Geschichte und Romanistik an der Uni Freiburg und durchlief auf seinem beruflichen Weg die Redaktionen vieler renommierter Tageszeitungen in Stuttgart, München und Berlin. Deutschlandweit bekannt wurde er durch seine Kolumnen und Glossen in der „Zeit“.

Locken herausgearbeitet

Er erhielt viele Auszeichnungen, u.a. den Egon-Erwin-Kisch-Preis für seinen Text über die Erbstreitigkeiten im Suhrkamp-Verlag. Viele seiner Glossen veröffentlichte er in Büchern. Daneben hat er auch einige viel beachtete Romane geschrieben. An Journalistenschulen gibt er seine Erfahrungen an junge Kollegen weiter: Journalisten müssen offen sein, zuhören, dürfen nie Pessimisten sein, sondern brennen. Natürlich bleiben bei soviel Ruhm und Anerkennung auch Kritiker nicht aus: „Martenstein ist der Mario Barth für Zeit-Leser.“

Doch der Verdacht drängt sich auf, dass dies der Verriss eines missgünstigen Kollegen ist. Denn Harald Martenstein erweist sich in den gut 90 Minuten auf der Apollo Bühne weit mehr als ein Journalist. Er ist Beobachter, Satiriker, Humorist und mit darstellerischen Qualitäten ausgestattet.

Er liest seine Texte nicht nur, er zelebriert sie, spielt sie mit feiner Ironie, von Zeit zu Zeit seinen Riesling vom Kloster Eberbach genießend. Und die Zuhörer genießen ebenso, schmunzeln, lachen. Vieles reißt er an, den Protestantismus, Lebensträume und Ehrgeiz. Martenstein macht sich über Umfrageergebnisse lustig: „74 Prozent der Berliner sind für die Bewaffnung von Busfahrern, 11 Prozent der Deutschen halten wegen der Steueraffäre einen Krieg mit Liechtenstein für möglich und für 1 Prozent der Befragten ist Bochum die Stadt ihrer Träume.“

Bleibende Erinnerungen hat er an Friseurbesuche. Eine Friseuse, die durch seine Locken wühlt: „Sie haben so schöne Haare“, bringt ihm die Zeitschrift „Psychologie heute“ und arbeitet seine Locken heraus. Der anschließende Kauf einer Lotion für das sensible Haar für 26 Euro ist eher ein Ritus, denn sein Badezimmer steht voll davon. Auch Erlebnisse beim Besuch von Stones-Konzerten sind hängengeblieben: „1969 war Mick Jagger auf Heroin. Heute lebt er so gesund wie Leni Riefenstahl. Er will 100 werden.“

Nach einer Pause („Aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit: Sie müssen mir immer beim Weintrinken zuschauen“) wendet sich Harald Martenstein der ewigen Frage zu: „Kann man Schreiben lernen?“ Früher kein Problem. Die Lehrerin schrieb „Hans“ und „Lotte“ an die Tafel und die Kinder mussten dies Buchstabe für Buchstabe abschreiben.

Heute ist alles ganz anders. Kinder dürfen schreiben, wie sie wollen: „Dii Bollizeih iss dah.“ Und die Erwachsenen sollen so tun, als sei dies richtig. Eine Rektorin dazu: „Die Kinder lernen zwar nicht schreiben, aber sie sind mit Freude bei der Sache. Der Erfolgsdruck ist weg.“ Die größte Heiterkeit des Abends zeigt: Im Saal ist ein großer Lehreranteil.

Heiteres in stürmischer Nacht

Martenstein gesteht: „Lustiges ist stimmungsabhängig. In bedrückenden Situationen schreibe ich anders.“ So die liebevolle Erinnerung an seinen Vater, der mit 70 nach Südafrika auswanderte und in hohem Alter sterbenskrank in die Klinik kam: „Er konnte diesen Text nicht mehr lesen. Aber er hätte ihm gefallen.“ Meist jedoch ist Martenstein ein heiterer Mensch, dessen Schreib- und Vortragskunst über Alltägliches das Publikum ebenso heiter in die stürmische Nacht entlässt.