Die Stadtgeschichte löst sich auf
29.08.2011 | 18:24 Uhr 2011-08-29T18:24:00+0200
Hilchenbach.Irgendwann zwischen der Erfindung des Buchdrucks und des Computers reichten die Lumpen nicht mehr aus, um den Bedarf an beschreibbarem Papier zu decken. Seitdem wird Papier aus Holz gemacht – und geleimt, damit die Schrift nicht verläuft. Früher oder später aber reagieren Leim und Holz und erzeugen Schwefelsäure.
Die frisst sich Blatt für Blatt durch die Zellulose. Auch Hilchenbachs Stadtarchivar Reinhard Gämlich wacht über eine Menge Papier, die unter seinen Augen zu zerbröseln droht.
Jedes Jahr ein Dutzend
Kartons zur Reinigung
Seit 2008 beteiligt sich auch die Stadt Hilchenbach an der „Landesinitiative Massenentsäuerung“. Vier Stichproben hatten ergeben, dass die Akten im Keller der Wilhelmsburg entschieden zu sauer sind: Das trifft die Kommunalwahlergebnisse bis 1961 ebenso wie die Lehrerpersonalakten von 1945 bis 1950. Wer sich an seine Chemiestunden erinnert, kennt die Bedeutung des pH-Wertes 4,5. Erst bei den erwünschten „7“ wäre der Stoff neutral.
„Ich habe Akten gesehen, die waren schon pulverisiert“, berichtet der Hilchenbacher Archivar. Andere seien beim Kopieren einfach zerbröselt. Unter Verdacht steht eigentlich jedes Blatt Papier seit Mitte des 19. Jahrhunderts. „Jetzt geht es erst einmal nur um den Altbestand“, sagt Gämlich. Das sind 150 laufende Regalmeter Aktenkartons. Würde die Stadt, die dabei durch den Wilhelmsburg-Förderverein unterstützt wird, dafür jährlich ihren 30-prozentigen Eigenanteil von 2000 Euro bereitstellen, könnte die Entsäuerung innerhalb von zwölf Jahren abgewickelt werden.
Einmal im Jahr holen Mitarbeiter des Westfälischen Archivamts in Hilchenbach und in den anderen Archiven im Kreisgebiet saure Akten ab. Die werden zunächst von Metall befreit, bevor sie einer Firma in Brauweiler zur eigentlichen Entsäuerung in einem speziellen Wasserbad übergeben werden. Etwa neun Monate später kommt das gereinigte Archivgut beim Eigentümer wieder an – immer ein paar Kartons mehr als das Dutzend, das zuvor abgeholt wurde. „Das Papier wird dicker“, beobachtet Reinhard Gämlich. Das Bad selbst merkt man den Blättern nicht an, wohl aber die Vorbehandlung: Jede Seite trägt nun einen Stempel mit fortlaufender Seitenzahl. Ein großer Gewinn, sagt der Archivar: „Das erleichtert das Auffinden von Dokumenten.“
Für mehr als die Hälfte des Altbestandes ist die Lösung des Säure-Problems allerdings noch nicht gefunden: Protokollbücher und gebundene Akten hat das Museumsamt von dem Verfahren zunächst ausgeschlossen.
Archivbestand wächst
immer schneller
Bis in die 1930er Jahre hinein wurden Akten nicht gelocht, sondern mit Fäden zusammengebunden. Und solche Akten enthalten natürlich auch erhaltenswerte Inhalte, die sogar um einiges wichtiger sind als die 1926 erteilte Genehmigung für die Entnahme von Wasser aus dem Lützeler Wehbach, um Vieh damit zu tränken, oder die Dokumentation der an die örtlichen Viehzüchter erteilten Kör- und Deckerlaubnisse. Zum Beispiel Akten des Standesamts, die teilweise für immer aufzubewahren sind.
Nicht in den Genuss des Entsäuerungs-Bades kommen die von Privatleuten zur Aufbewahrung hinterlegten Dokumente: „Das ist kein kommunales Archivgut“, bedauert Reinhard Gämlich, der froh über die Landesförderung ist: „Aus eigener Kraft würde eine kleine Kommune wie Hilchenbach das gar nicht schaffen.“ Ein sorgenfreies Leben beschert die Initiative dem Archivar dennoch nicht: Über den neueren Bestand seit 1970, der mit 350 Regalmetern binnen vier Jahrzehnten mehr als doppelt so groß geworden ist wie das papierene Erbe der ganzen vorangegangenen Stadtgeschichte, wurde noch kein Wort verloren. Und weil es für digitale Akten erst recht noch keinen Aufbewahrungsstandard gibt, wird auch weiterhin Datei für Datei ausgedruckt. Auf Papier aus Holz und Leim.
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