Die letzten Meter des Stadtarchivs Hilchenbach

Im Keller der Wilhelmsburg lagert der Großteil der Bestände des Hilchenbacher Stadtarchivs. Eine Dependance gibt es im ehemaligen Verwaltungstrakt des früheren Jung-Stilling-Gymnasiums.
Im Keller der Wilhelmsburg lagert der Großteil der Bestände des Hilchenbacher Stadtarchivs. Eine Dependance gibt es im ehemaligen Verwaltungstrakt des früheren Jung-Stilling-Gymnasiums.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Was von Firmen und Vereinen übrig bleibt. Platz für Privates in städtischer Obhut. Stadtarchivar Reinhard Gämlich führt durch die letzten Meter des Stadtachivs.

Hilchenbach..  31 000 aufgearbeitete Akten, erschlossen mit fast 250 000 Schlag- und Stichwörtern, aufbewahrt auf 525 Regalmetern. Reinhard Gämlich kann das Stadtarchiv, dessen Verwaltung er am 15. Mai vor genau 30 Jahren übernahm, mit imposanten Zahlen belegen. In seinem gerade erschienenen Fünf-Jahresbericht listet er 16 Bestände auf, von den klassischen Verwaltungsakten über die Plakat- und Kartensammlung bis zu dem Tonträgern.

Die letzten Meter stehen selten im Mittelpunkt des Interesses: Akten von Firmen und Vereinen, Nachlässe von Einzelpersonen und Familien, die dem Archiv dauerhaft übereignet wurden, und „Hinterlegungen“, die die Eigentümer vielleicht nur vor­übergehend bei Reinhard Gämlich deponiert haben – 94 Meter Stadtgeschichte von ganz unterschiedlicher Bedeutung.

Zum Beispiel: Historisches

...wie Akten der Lederwerke, der Leimfabrik Weiss, der Düngerfabrik Lützel und des Hammerwerks Vorlaender — untergegangene oder gerade untergehende Firmen. Unterlagen des aufgelösten Löschzugs Allenbach und des Müsener Rindviehversicherungsvereins.


Zum Beispiel: Überraschendes

.. wie der gerade erst aufgefüllte Unterbestand der ehemaligen Brüder-Busch-Gesellschaft, Nachlass ihres vor anderthalb Jahren verstorbenen Gründers Wolfgang Burbach. „Es war mir absolut unbekannt, dass so viel noch nicht in Karlsruhe ist“, staunt Reinhard Gämlich. Denn an das dortige Max-Reger-Archiv hatte die Busch-Gesellschaft vor ihrer Auflösung ihren Bestand übertragen.

Zum Beispiel: Unerwartetes

... wie die Familiengeschichte von Friedrich Euler, Prokurist der Leimfabrik und Mitglied des Magistrats. Seine Tochter Hedwig Maria Johanna Euler, 1984 im Alter von 88 Jahren gestorben, war zudem fleißige Theatergängerin in Dahlbruch. Sie fügte Programmzettel und Zeitungskritiken hinzu.

Zum Beispiel: Spezielles

... wie die Geschäftsunterlagen der drei Generationen, die das Anstreicher- und Malergeschäft Bäbler in der Dammstraße überdauert hat: das 1884 begonnene Kassenbuch, das Maßbuch, die Ausschreibung für den Bau des Kindergartens in der Herrenwiese durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt 1937, das Rundschreiben der Wäschefabrik Becker aus Geislingen über den „Einfluss der Juden auf die Wirtschaft“ von 1930.

Zum Beispiel: Historisches

... wie Fotoalben von Absolventen des Hilchenbacher Lehrerseminars: ein Bestand mit Bildern von Klassentreffen bis 1956, ein anderer mit Dokumenten von 1917 bis 1931. „Die hatte noch viel mehr“, erinnerte sich Gämlich den Besuch dieser alten Dame, „aber sie konnte sich nicht trennen.“ Jetzt ist sie tot.

Zum Beispiel: Prominentes

... wie die Alben, in denen Eva Kindermann die Fotos berühmter Besucher ihres Deutschen Hofs aufbewahrt hat, vor allem Schauspieler und Musiker, die in Dahlbruch gastierten.

Zum Beispiel: Unschätzbares

.... wie die Sammlung von Gemälden und Zeichnungen des Kunstmalers Fritz Kraus aus Deuz und seines Sohns Fritz Kraus aus Hilchenbach, denen das Archiv wegen ihres Umfangs kaum gerecht werden kann. „Das tut mir in der Seele weh“, bedauert Reinhard Gämlich.

Zum Beispiel: Randständiges

... wie das Archiv der „Interessengemeinschaft gegen die rechtswidrige Verzinsung öffentlicher Baudarlehen“, die ihren Sitz in Hilchenbach hatte. Nein, betont Gämlich, nichts ist so unbedeutend, dass er nicht wenigstens einen Blick darauf werfen möchte: „Bevor man etwas wegwirft, sollte man das Stadtarchiv einschalten. Schließlich sind die Unterlagen einzigartig,“

1897 bis 1939: Die einzige Tageszeitung, die Hilchenbach selbst herstellte


Zum Beispiel: Minimales

... wie die aus nur drei Schriftstücken bestehende Hinterlegung des Dahlbruchers Wilhelm Müller — darunter aber das Markbuch der Schweisfurth, das Gämlich gern in städtischem Eigentum sähe. Mancher Privatbesitz, bedauert Gämlich, werde „rechtlich ersessen. Da muss nur mal ein Vorfahre Gemeindevorsteher gewesen sein.“

Zum Beispiel: Gedrucktes

... wie die Hilchenbacher Zeitung, die einzige Tageszeitung, die jemals in der Stadt selbst hergestellt wurde, mit Bändern von 1897 bis 1939. Und Lücken dazwischen.

Beim Gang durch den Archivkeller kommt Stadtarchivar Reinhard Gämlich an einem mit Fotoalben gepackten Tisch vorbei: der Nachlass von Busch-Kreis-Geschäftsführer Wolfgang Burbach, endlose Dokumentationen von Festspielreisen, die auf ihren Platz im Regal warten. Gämlich fällt der Tag ein, an dem der letzte Band seines Hausnamen-Buchs fertig war. „Danach konnte ich endlich mal wieder Leute in mein Büro lassen.“ In diesem Archiv gibt es niemals blanke Schreibtischplatten.

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