Die Erinnerung an Fred Meyer ist noch wach
20.01.2008 | 19:45 Uhr 2008-01-20T19:45:00+0100
Sie waren noch Kinder und Jugendliche, als ihre jüdischen Nachbarn aus Littfeld abgeholt und ins Vernichtungslager deportiert wurden: Neun Jahre alt, 14 und 18. Vergessen können sie es bis heute nicht.
Spurensuche in Littfeld, 65 Jahre nach der Verschleppung von Fred Meyer, seiner Mutter Minna und deren Tante Sara. Gibt es noch Zeitzeugen der Geschehnisse, als das Nazi-Reich in den letzten Zügen lag, aber dennoch die Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz, Treblinka und Sobibor auf Hochtouren lief? Ja, die Erinnerung an die einstigen Mitbürger ist immer noch wach bei Anneliese Berendes (Jahrgang 1924), Christel Leopold (1928) und Helmut Stähler (1934). Niemand muss sie dazu drängen; sie wollen erzählen, was sie wissen, was sie gesehen und gehört haben. Für sie ist das Gedenken für den dreijährigen Fred Meyer, das am 27. Januar wieder an der Grubenstraße gehalten wird, verbunden mit Bildern, die sie in ihrem Gedächtnis gespeichert haben. Der 27. Februar 1943 war ein Samstag. Aus dem Haus Nr. 65 (heute Hagener Straße 393) kommt ein ortsfremder Nazischerge mit dem 40-jährigen Siegfried Meyer. Die Kinder der Littfelder Schule (heute Bürgertreff Kapellenschule) haben gerade eine Pause, als die kleine Gruppe passiert. Familienvater Siegfried Meyer führt eine Schubkarre, auf der einige Gepäckstücke - Koffer und Taschen - transportiert werden. Obenauf sitzt sein dreieinhalbjähriger Sohn Fred, nebenher laufen Siegfrieds Tante Sara (78) und seine Frau Minna (32), die Mutter von Fred. Diese Szene hat die fast 80-jährige Christel Leopold heute noch vor Augen: Damals ist sie erst 14 Jahre alt und weiß nichts von Vernichtungslagern. Das Ziel der Meyers ist der Littfelder Bahnhof, wo die Reise in den Tod beginnt. Noch auf dem Bahnsteig werden Mutter Minna und Sohn Fred voneinander getrennt. Bahnbedienstete haben es beobachtet und berichten später davon. Die Vorstellung allein erschüttert heute noch alle Zeitzeugen. Das Teuflische in diesem unmenschlichen Moment: Siegfried Meyer darf seine Familie nicht einmal begleiten. Er muss als letzter Angehöriger der Littfelder Juden noch bleiben. Denn er wird in einem Rüstungsbetrieb in Siegen gebraucht. Ohne ihn werden Frau und Kind nach Zamosc im heutigen Polen deportiert, wo sie am 28. April - acht Wochen später - verstorben sind, in einem Vernichtungslager ermordet. Siegfried Meyer selbst gilt später als verschollen und wird am Tag der Befreiung - am 8. Mai 1945 - „für tot erklärt”. Helmut Stähler weiß noch, wie er - als Jüngster der drei Zeitzeugen - aus der Kleinkinderschule kam und Nazi-Anhänger unmittelbar nach Deportation der Familie deren Haus plünderten. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde mitgenommen. Alles Übrige warfen die Parteimitglieder achtlos auf einen Haufen. Auch die zehn Jahre ältere Anneliese Berendes hört noch die Lügen, die die Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen als die Wahrheit verkauften: „Die Juden werden alle zusammengeführt und haben es dann besser.” Erst zwei Jahre später wussten auch die jungen Leute aus Littfeld, was wirklich passiert war. „Urvater” der Littfelder Juder war der1828 geborene Levi Meyer. Er hatte auch den kleinen Friedhof angelegt, als er für seine verstorbene Frau eine Begräbnisstätte suchte. Die Meyers waren aus Siegen vertrieben worden. In Burgholdinghausen wurden sie vom Freiherrn von Fürstenberg aufgenommen, von dort kamen sie nach Littfeld, wo sie leben und arbeiten durften. Die Grabsteine auf dem kleinen, inzwischen denkmalgeschützten jüdischen Friedhof beweisen, dass das Miteinander von Juden und Christen vor der Nazi-Zeit unbelastet war. Jeder begrub seine Toten auf seinem Friedhof. Insgesamt neun Littfelder Juden wurden verschleppt, während der Tag der Deportation der Krombacherin Johanna Rosenhelm bis heute unbekannt geblieben ist. Von Adolf Meyer, dem das heutige Metzgereigeschäft Hohberger gehörte, wird berichtet, dass er etwa 40 Stück Vieh in den Ställen von Bergmannswitwen im Dorf untergestellt hatte. Frauen, die nur eine kärgliche Rente bezogen, durften die Kühe melken, sie als Zugtiere in der Landwirtschaft einsetzen. Waren die Kühe schlachtreif, holte sie Adolf Meyer und ersetzte sie durch neue. Adolf Meyer galt auch als großzügig gegenüber Minderbemittelten. Für die Armen im Dorf gab es in seinem Geschäft immer eine warme Suppe. Wurde jemand krank, spannte er sogar das Pferd an und holte Medizin in Krombach, bezahlte Medikamente aus eigener Tasche. Sein Vetter Raphael Meyer, dem der Betrieb einige Häuser weiter gehört, in dem seit den 1960er Jahren die Metzgerei Rönnecke ihren Sitz hat, war ebenfalls als großzügig bekannt. An junge Eheleute, die ihren Hausstand gründeten, vergab er zinslose Darlehen. Dem Hofstaat des Schützenvereins gehörte der Metzger in den 1920er Jahren ebenfalls als geachtetes Mitglied der dörflichen Gemeinschaft an. Die wenigen Juden in Littfeld hielten ihre Riten auch noch im Kriegsjahr 1940 ein. In einem Anbau am heutigen Haus Altenberger Straße 21 gab es einen kleinen Gebetsraum. Die Familie Rönnecke fand zudem beim Renovieren ihrer Wohnung im Obergeschoss des ehemaligen Meyerschen Anwesens hinter einer Pappverblendung eine Art Altar, passend zu den Bögen in der Zimmerdecke, die ebenfalls die Anmutung einer sakralen Nutzung vermittelten. Was Helmut Stähler, Christel Leopold und Anneliese Berendes im Bewusstsein haften geblieben ist: Vor allem die Angst, unter der die Juden in den letzten Jahren ihrer Existenz in Littfeld litten. Stählers Familie unterstützte die Angehörigen des verstorbenen Adolf Meyer trotz aller Verbote. Minna Meyer, die Mutter von Fred, schlich sich in ihr Haus, um Milch zu holen. In einer Kanne, die unter dem Hohlraum einer Baumwurzel versteckt war, wurde den Meyers im Dunkeln Suppe hingestellt. Auch bei den Eltern von Anneliese Berendes wurden in der heutigen Johann-Heinrich-Jung-Straße Lebensmittel für die jüdischen Nachbarn abgezweigt. Minna Meyer bekam ausgelesene Handarbeitszeitschriften, um ihrem Kind ein Kleidungsstück zu nähen. Fred Meyer selbst, der drei Monate nach Kriegsbeginn am 24. Dezember 1939 zur Welt kam, wird als hübscher schwarzhaariger Junge beschrieben. Gleichaltrige Kinder zum Spielen hatte er nicht; denn auf die Einhaltung des Kontaktverbots achteten die „Blockwarte” der örtlichen Parteileitung genau. Nur der fünf Jahre ältere Helmut Stähler, der direkt nebenan wohnte, traute sich gelegentlich auf den Hof der Meyers. Wenn Freds Großvater Adolf Meyer auf der Bank am Haus saß, aus Binsen Pfeifen flocht und spannende Geschichten erzählte, hörte auch er gern zu. Nur wenig Bewegungsspielraum gab es unter den argwöhnischen Augen der NS-Parteigenossen, weiß Christel Leopold. Als junges Mädchen wurde sie einmal von einem Nachbarn gebeten, Medizin aus der Krombacher Apotheke zu holen. Als sie dort wartete - Arznei wurde meistens noch von Hand hergestellt -, wurde das Rezept für „Meyer” aufgerufen. Die Nachbarn hatten ihr also eine Verschreibung für jüdische Mitbürger unter ihre eigene geschmuggelt. Die völlig ahnungslose Jugendliche wurde dafür zu Hause gemaßregelt.
Im Bus mussteSiegfried stehen
Anneliese Berendes berichtet von der Heimfahrt aus der Schule in Siegen, was sie selbst im Bus erlebte: Eines Tages fuhr auch Siegfried Meyer zur selben Zeit mit nach Littfeld. Der Zwangsarbeiter musste während der Fahrt stehen. Für Träger des gelben Judensterns war das Sitzen verboten, egal, wie viele Plätze frei waren. Dazu gab es einen demütigenden Kommentar des Fahrers: „Da ist ja das Judenschwein.” Erst 1982 holten Littfelder Jugendliche vieles von dem, was die älteren Bürger noch wussten oder wissen mussten, worüber sie aber fast 30 Jahre geschwiegen hatten, aus den Schubladen der Vergangenheit. Vor genau 25 Jahren begann die Stadt damit, eine jährliche Gedenkfeier für die Littfelder und Krombacher Juden abzuhalten. Ein Jahr später wurde der „Fred-Meier-Platz” (mit „ei”) vor dem Feuerwehrhaus hergerichtet. Zunächst war es der 30. Januar, an dem die Kränze niedergelegt wurden, also der Tag, an dem sich die Machtübergabe an Hitler jährte. Seit 1996 gilt auch in Littfeld der 27. Januar als Gedenktag: der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz. Für Minna und Fred Meyer kam dieser Tag zwei Jahre zu spät.
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