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Diagnose HIV positiv - zwischen Ausgrenzung und Lebenslust

12.02.2013 | 06:00 Uhr
Diagnose HIV positiv - zwischen Ausgrenzung und Lebenslust
Truvada, Norvir und Prezista: Monika Fischer (Name geändert) weiß seit dem Jahr 2001, dass sie HIV- positiv ist. Pro Tag nimmt sie drei Tabletten, um die Viren in ihrem Körper an der Vermehrung zu hindern.Foto: Ilka Wiese

Siegen.   Laut Robert-Koch-Institut gibt es 150 HIV-Positive im Kreis Siegen-Wittgenstein. Wieviele es tatsächlich sind, vermag aber niemand zu beziffern. Zwei Betroffene berichten von ihrer plötzlichen Diagnose - und den Reaktionen der Umwelt. "Die Ausgrenzung ist enorm". Im Siegerland sie die Krankheit noch "sehr negativ behaftet".

Monika Fischer* hegt keinen Groll gegen die Welt, das Schicksal, Gott oder wen auch immer. Es ist, wie es ist. „Was kann die Welt dafür, wie ich mein Leben gelebt habe.“ Seit dem Jahr 2001 weiß die 48-Jährige, dass sie das sie HIV-positiv ist. Ihr Arzt rechnete ihr vor, dass sie sich bereits in den 1990er Jahren angesteckt haben könnte. Woher sie das Virus hat? „Ich habe ein lustiges Leben gehabt“, sagt die Siegenerin.

Auf 46 Kilogramm abgemagert

„Ich bin plötzlich sehr, sehr krank geworden und wurde von meinem Arzt ein halbes Jahr lang auf Bronchitis mit Antibiotika behandelt“, erzählt sie. Die Speiseröhre verpilzte, sie magerte auf 46 Kilogramm ab. Dann kam die Diagnose. „Ich lag in der Uniklinik in Marburg und der junge Arzt weinte, als er mir sagte, dass ich positiv bin. Es war das erste Mal, dass er das einem Patienten sagen musste.“ Monika Fischer war nur froh, dass sie endlich wusste, was ihr da die Kräfte raubt. Die Familie reagierte traurig, geschockt, entsetzt. Keiner wusste über die Krankheit Bescheid. Monika Fischer schickte erst einmal alle zum Test. Auch ihren Sohn und den Ex-Mann. Alle negativ.

Häufig lag sie in den ersten Monaten auf dem Sofa, schloss fest die Augen und sagte zu dem Virus: „Wollen wir doch einmal sehen, wer hier am längeren Hebel sitzt.“ Heute nimmt sie drei Tabletten und fährt regelmäßig zur Blutkontrolle in die Schwerpunktklinik nach Gießen.

Unter der Nachweisgrenze

Ausstellung
Ausstellung zeigt die Arbeit der AIDS-Beratungsstelle in den...

Im Januar 1988 hat Reiner Jakobs als erster AIDS-Berater im Kreis Siegen-Wittgenstein seine Arbeit aufgenommen. Die Stelle wurde vom Bund bezahlt und gehörte zum Modellversuch der Gesundheitsämter unter dem Namen Bonner AIDS-Sofortprogramm, initiiert von Gesundheitsministerin Rita Süßmuth. Die Förderdauer mit 70.000 Mark pro Jahr war zunächst auf vier Jahre angesetzt.

25 Jahre ist das her. In einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek blickt die AIDS-Beratungsstelle zusammen mit der AIDS-Hilfe und dem autonomen Schwulen und Lesbenreferat auf die gemeinsame Arbeit zurück. Zu sehen sind unter anderem Fachliteratur im Wandel der Zeit, Exponate aus der Aufklärungsarbeit und Projekte heimischer Schulen über das HI-Virus und AIDS, aber auch über Liebe, Freundschaft und Sexualität.

Sehenswert sind auch die Aufklärungsbücher, in denen zum Beispiel erklärt wird, wie man Kondome zur Zweitverwertung aufbereitet. Aber auch die Zeitungsartikel in der Ausstellung sind spannend, in denen 1988 noch von der „Immunseuche AIDS“ die Rede ist. Unter anderem wird dort aber auch über einen Jugendkalender geschrieben, dessen Verteilung der Kreistag damals stoppte, weil darin eine Anti-Aids-Anzeige abgedruckt werden sollte. Die Botschaft lautete: „Aids bekommt man nicht beim Schmusen und beim Sex schützen Kondome“. Skandalös für manche Kommunalpolitiker, die damals den Verfall der Sitten beklagten.

Das HIV liegt heute unter dem Nachweisstand in ihrem Körper. Das heißt, dass die Viren in einem so geringen Maße vorhanden sind, dass sie niemanden anstecken kann. „Das wissen aber viele nicht.“ Es gebe so viele Vorurteile. Beim Zahnarzt in einem Siegener Stadtteil wurde sie nicht behandelt. Bekannte gingen auf Abstand und wollten nicht mehr zum Essen kommen. Und für eine lebensbedrohliche Not-OP wurde Monika Fischer 2007 nach Marburg geflogen, weil kein Siegener Krankenhaus sie aufnehmen wollte. Der Arzt begrüßte sie mit den Worten: „Sie sind also die Frau, die keiner wollte.“

Das Virus ist für Monika Fischer zur Nebensache geworden. „Ich nehme die Tabletten, um gesund zu bleiben. Nicht, weil ich krank bin.“ Dennoch hat die Infektion sie verändert. „Ich setze heute Prioritäten. Unwichtige Dinge lasse ich einfach weg“, erklärt die 48-Jährige. Dazu gehören auch die Männer. „Die kosten zu viel Kraft“, sagt sie, winkt ab und lacht.

Im Siegerland ist Aids "noch sehr negativ behaftet"

Klaus Kramer* schluckt eine kleine Tablette morgens. Der 48-Jährige wünscht sich, dass das der einzige Moment wäre, an dem er an das Virus in seinem Körper erinnert wird. Leider ist es nicht so. Denn die Therapie wird von unangenehmen Nebenwirkungen begleitet. Und damit meint er nicht nur Probleme mit Magen und Darm und die depressive Phasen.

Ausgrenzung

Gern würde er offener mit seiner Diagnose umgehen. „Aber im Siegerland ist das nicht so leicht. Die Krankheit ist hier sehr negativ behaftet. In einer Großstadt wäre das anders“, sagt er. Vor allem vermisst er die Solidarität unter den Schwulen. Nur zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember, das sei ihm zu wenig. „Die Ausgrenzung ist enorm. Und du überlegst immer, sage ich es oder sage ich es nicht?“ Der groß gewachsene Mann befindet sich ständig in einem Balanceakt, das schlechte Gewissen im Gepäck. „Schließlich ist man nicht gezwungen, es zu sagen. Jeder ist doch für sich selbst verantwortlich. Warum wird die Schuld dann immer bei den Positiven gesucht?“

No-Angels-Sängerin

So sei es auch bei der No-Angel-Sängerin Nadja Benaissa gewesen. Im Jahr 2010 wurde die Sängerin verurteilt, weil sie beim ungeschützten Sex einen Mann angesteckt hatte. Für Cramer ist klar: „Jeder muss auf sich selbst aufpassen.“ An dieser Stelle sei auch der Gesetzgeber gefragt.

Auch die Positiven in der Region hielten kaum Kontakt zueinander. „Keiner traut sich“, sagt Cramer. Auch er gehört dazu, seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Zu den Selbsthilfegruppen kämen immer die wenigen, selben Gesichter. Der Versuch, eine eigene Gruppe auf die Beine zu stellen, scheiterte. Dabei lägen die Vorteile doch klar auf der Hand: „Wenn wir uns zusammentun, könnten wir als Gruppe auch mehr erreichen.“ Zum Beispiel eine bessere medizinische Versorgung in der Region durch die Kooperation einer Siegener Klinik mit einer Schwerpunktklinik. Das Robert-Koch-Institut schätzt die HIV-Positiven auf 150 im Kreisgebiet. „Aber wie viele es wirklich sind, weiß ja keiner“, so Cramer.

Die Leichtigkeit verlor Klaus Cramer im Jahr 2004. Damals sagte ihm sein Ex-Freund, dass er positiv ist. „Ich habe da schon damit gerechnet.“ Zwei Tests brachten dann die traurige Gewissheit. „Sie sind HIV-positiv“, sagte der Hausarzt. „Geht es dir gut?“, fragte seine Mutter. Wenn es nur die eine kleine Tablette am Morgen wäre, dann ja.

*Namen von der Redaktion geändert.

Ilka Wiese


Kommentare
12.02.2013
09:33
Zwischen Ausgrenzung und Lebenslust
von alivenkickn | #1

Es ist erfreulich wahrzunehmen wie unaufgeregt und sachlich Sie Frau Wiese über das Thema "HIV im Alltag" schreiben. Sie gehören zu den Angehören "der schreibenden Zunft" von der wir uns wünschen das es mehr von Ihrer Art gäbe.

HIV ist heute dank der div Medikamente zu einer chronischen behandelbaren Krankheit geworden. Das Problem jedoch ist nach wie vor die Haltung mit der uns große Teile der Politik und der Gesellschaft begegnen. Stigma und Diskriminierung, Ausgrenzung, Benachteilgung im Arbeitsleben, Ablehnung einer Behandlung durch nicht wenige Ärzte ist leider auch in den Großstädten 30 Jahre nach HIV in Deutschland immer noch ein Problem.

Das ist gelinde gesagt eine Schande.

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