Das aktuelle Wetter Siegen 11°C
Nationalsozialistischer Untergrund

„Der NSU hätte eher gestoppt werden können“

11.01.2014 | 16:19 Uhr
„Der NSU hätte eher gestoppt werden können“
Mehmet Daimagüler spricht am Peter-Paul-Rubens-Gymnasium über den NSU-ProzessFoto: Streber, Thorsten

Siegen.   Der gebürtige Siegener Mehmet Daimagüler, der sein Abitur 1988 am Peter-Paul-Rubens-Gymnasiums in Siegen ablegte, beschäftigt sich mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Als Anwalt vertritt er zwei Opferfamilien beim NSU-Prozess. Am Freitag sprach er vor Schülern seiner alten Schule.

Er beschreibt die Gräueltaten des Nationalsozialistischen Untergrunds, greift die Arbeit der Ermittlungsbehörden scharf an und wirbt leidenschaftlich für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft. „Es geht um die Frage, was für ein Land wir sein wollen.“ Mehmet Daimagüler steht in der Aula des Peter-Paul-Rubens-Gymnasiums. Die Schüler stellen Fragen, Daimagüler antwortet, wird immer wieder von Applaus unterbrochen. „Diese Veranstaltungen helfen mir, nicht zynisch zu werden“, sagt er.

Denn der gebürtige Scheldener, der sein Abitur 1988 selber am Rubens-Gymnasiums ablegte, beschäftigt sich mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Als Anwalt vertritt er zwei Opferfamilien beim NSU-Prozess. 72 Prozesstage liegen hinter ihm, unzählige noch vor ihm. Das Gericht rechnet damit, dass das Verfahren noch fast zwei Jahre dauern wird.

Die zutage geförderten Missstände machen Daimagüler fassungslos. „Mein Vertrauen in den Rechtsstaat ist nicht zerstört, aber ich habe doch einige ernsthafte Fragen.“

Nur ein Beispiel: Mehr als ein Dutzend Zeugen hätten an unterschiedlichen Tatorten kahlköpfige Fahrradfahrer gesehen, später sollte sich herausstellen, dass es sich dabei um die Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos handelte – doch die Polizei verfolgte die Spur gar nicht erst. „Hätten diese Zeugen Männer mit dunklem Haar und Schnäuzer gesehen, wäre die Republik auf den Kopf gestellt worden.“

Anwalt wirft den Behörden Versagen vor

Der Anwalt wirft den Behörden Versagen vor. „Die Polizei wollte nicht akzeptieren, dass ein toter Türke Opfer sein kann“, sagt er. Obwohl es Anzeichen für ein rechtsextremistisches Motiv gegeben habe, sei viel zu lange einseitig in Richtung organisierter Kriminalität ermittelt worden.

In den Behörden und der Politik wünscht sich Daimagüler ein stärkeres Umdenken. Die Nazi-Szene würde derzeit in weiten Teilen vom Staat finanziert. Daher unterstützt er den NPD-Verbotsantrag des Bundesrats und fordert die Abschaffung des V-Mann-Systems beim Verfassungsschutz: „Der Staat darf sich nicht mit Verbrechern gemein machen.“ Neue Gesetze zum Schutz der Bürger seien dagegen nicht nötig – wenn die vorhandenen konsequent angewandt würden. „Der NSU hätte eher gestoppt werden können.“ Dann geht der Rechtsanwalt ins Grundsätzliche: „Demokratie muss jeden Tag neu verteidigt werden. Und das kann nicht im Gericht, das muss auf der Straße passieren.“

Darum spricht Daimagüler so gerne an Schulen. „Das Klischee einer Jugend, die nur komasäuft und auf Facebook hängt, ist ein Zerrbild“, lobte der ehemalige die klugen Fragen der heutigen Rubens-Gymnasiasten. Die Jugendlichen machten sich Gedanken um Demokratie und Menschenwürde. „Das Land entwickelt sich in die richtige Richtung.“

Emotionale Distanz fällt schwer

Auch auf persönliche Fragen fand Daimagüler klare Antworten. Natürlich sei es – insbesondere als Mensch, der selber in das Opferprofil der Rechtsterroristen gepasst hätte – nicht einfach, eine emotionale Distanz zu den Angeklagten zu bewahren. „Aber man darf ihnen nicht erlauben, Untermieter in meinem Kopf zu werden.“

In der kommenden Woche geht der NSU-Prozess weiter. Mehmet Daimagüler wird dann wieder nur wenige Meter von Beate Zschäpe und den anderen Angeklagten entfernt im Saal des Oberlandesgerichts München sitzen. Es sind Zeugen zum Mord an der Polizistin Michelle Kiesewetter geladen. „Auch in diesem Fall wurde nicht sauber ermittelt“, sagt Daimagüler. „Wir haben viele Fragen.“

Thorsten Streber

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
DM im Bodybuilding in Siegen
Bildgalerie
Kraftsport
MINT-Mitmachtage in Siegen
Bildgalerie
Naturwissenschaft
article
8858324
„Der NSU hätte eher gestoppt werden können“
„Der NSU hätte eher gestoppt werden können“
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-siegen-kreuztal-netphen-hilchenbach-und-freudenberg/der-nsu-haette-eher-gestoppt-werden-koennen-id8858324.html
2014-01-11 16:19
Nachrichten aus Siegen, Kreuztal, Netphen, Hilchenbach und Freudenberg