Der Krieg, der Wald und das Wild

Diethard Altrogge auf der von Fichten und Beerensträuchern gesäumten Wildwiese. Weltkriegsmunitionhatte den Grauhain verwüstet. Jetzt sitzen hier Jäger auf Hirsche und Rehe an.Foto:Steffen Schwab
Diethard Altrogge auf der von Fichten und Beerensträuchern gesäumten Wildwiese. Weltkriegsmunitionhatte den Grauhain verwüstet. Jetzt sitzen hier Jäger auf Hirsche und Rehe an.Foto:Steffen Schwab
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Was wir bereits wissen
Der Weg zur Abteilung 129 ist von Ginsterbüschen gesäumt. Rechts liegt ein Holzpolter, der längst hätte abgefahren werden können. „Ist alles bezahlt“, weiß Forstamtsleiter Diethard Altrogge.

Nenkersdorf/Lützel..  Aus den Stämmen wachsen kleine Fichten, Lärchen, Ebereschen und Buchen. „Der wird wieder zu Wald.“ Das Ziel ist ein großer Schotterplatz. Wenige Meter dahinter, gesäumt von Himbeer- und Brombeersträuchern, öffnet sich eine große Wiese. Laila, der vierbeinige Begleiter des Försters, ist ganz munter. Zwei Hirsche sind gerade durchgerauscht. Auf dem Hochsitz, der hinter einer Fichte versteckt liegt, sitzt niemand.

1945 Die Eisenstraße wird von den Deutschen bis zuletzt verteidigt. Als der Krieg zu Ende ist, bleibt jede Menge Sprengstoff einzusammeln — Panzerfäuste aus den Straßengräben. „Die waren voll mit Munition“, hat Forstamtsleiter Diethard Altrogge erfahren — von Heinz Heinrich, dem ehemaligen Haumeister des Forstamts auf dem Lahnhof, der als 13-Jähriger dorthin kam und heute mit 88 seinen Ruhestand in Volkholz verbringt.

Mit einem Ochsenkarren, den der Lahnhof-Bauer zur Verfügung stellte, wurde die explosive Fracht zunächst zu einem Steinbruch in die Nähe der Siegquelle gebracht. Und dann auf den Grauhain, in die Abteilung 129. Nachdem der Fichtenbestand geschlagen, die Lohe geschält, das Holz abtransportiert war, war der Sprengplatz frei. Am Anfang noch eine ebene Fläche, später ein Trichter. Bei jedem Warnsignal gingen die Waldarbeiter in Deckung. „Denen flogen die Dinger um die Ohren.“

2015Menschen gelangen selten auf den Grauhain. Gleich hinter dem Gelände des Sprengplatzes, der sich auf insgesamt um die drei Hektar erstreckt hat, beginnt eine der drei Naturwaldzellen, in denen die Vegetation, wissenschaftlich beobachtet, sich selbst überlassen wird. Liebespärchen verirren sich schon mal hierhin, berichtet Altrogge. „Und eine meiner ersten Wildkatzen habe ich hier gesehen.“ Geschützt von den Hülsen, die nach Kyrill zum üblichen Bild auf Aufforstungsflächen gehören, wächst ein junger Wald heran.

Für einen Hirsch war es kein Problem, mit seinem Geweih die Plastikummantelung von der kleinen Douglasie wegzuschieben. Die Nadeln sind lecker, schmecken nach Orange. „Die gute Stube“ nennt Diethard Altrogge das Waldstück dahinter. Flechten an den geschälten Stämmen zeigen, dass die Bäume tot sind. „Sieht aus wie ein Märchenwald. Ist aber komplett zerstört.“ Es gibt zu viel Wild auf dem Rothaarkamm. Die große Wiese ist eine Wildwiese. „Die haben wir bewusst angelegt, um hier zu jagen.“

1977 Als in Walpersdorf der Wald brennt, knallt es: Die Explosion von Granaten ist letzter Auslöser für den Beginn eines nun jahrzehntelangen Einsatzes des Kampfmittelräumdienstes auf einem 132 Hektar großen Gelände rund um den Lahnhof und entlang der Eisenstraße. „Hier war verbrannte Erde“, berichtet Altrogge: Was die Sprengungen nach Kriegsende begonnen haben, vollenden die Suchaktionen bis in die Gegenwart. „Nur Steine, Schotter und Geröll.“

1995 war es, als Förster Bruno Poggel sich für die Rekultivierung des Geländes einsetzte. Landwirt Achim Six aus Benfe schafft Fuhre um Fuhre Mist als Dünger auf den Berg. Lupinen werden eingesät. „Wir haben Wetten abgeschlossen, ob die Fichte hält.“ Sie tut es. Kraftvoll bildet sie den Waldsaum um die Wildwiese, der niemand ihre Kriegsgeschichte ansieht. Diethard ­Altrogge: „Man sieht es, die Fichte ist sehr genügsam.“

2015Wer von Lützel auf die Eisenstraße fährt, stößt sehr bald auf die Hinweisschilder, die vor Munition warnen. „Die suchen immer wieder mal“, weiß der Forstamtsleiter. Informationen darüber, welche Teilgebiete schon sauber sind und welche noch nicht, bleiben unter Verschluss. Niemand soll sich in falscher Sicherheit wiegen, und niemand soll Anlass zu unbefugter Nachsuche bekommen. 2005 ist ein Jugendlicher aus Siegen ums Leben gekommen, als er mit einer hier gefundenen Granate hantierte.

Denn neben dem Lahnhof, wo die Kampfmittelräumung des Landes über viele Jahre auch den Europäischen Fernwanderweg 1 von Skagen nach Genua unterbrach, ist da ja auch noch die Muna: die „Heeresmunitionsnebenanstalt“ hinter Lützel, wo der Bund seit Ende der 1980er Reste des Kriegs zu bergen versucht.

1945In den unterirdischen Bunkern der Muna soll angeblich auch die „Vergeltungswaffe V 2“ gelagert gewesen sein. Die Wehrmacht brachte erbeutete Munition der Alliierten dorthin, um sie aufzuarbeiten. Die Alliierten flogen Luftangriffe, um die Muna zu zerstören — auch die Bombardierungen Kreuztals gehen auf das Konto der Rüstungsfabrik, deren Fracht dort auf dem Bahnhof umgeschlagen wurde. 1945 wurde die Muna gesprengt. Ob von den Deutschen oder den Alliierten, darüber gehen die Darstellungen auseinander. Am Ende sind, durch Bombardierung, Sprengungen und am Ende unvollständige Entschärfungsaktionen 150 Hektar Wald rund um die Muna munitionsverseucht.

2015Räumaktionen gibt es vor allem bei Bedarf. Seit Ende der 1980er Jahre in Lützel, weil das Gelände als künftiges Gewerbegebiet, sogar als Standort für ein Kompostierwerk oder eine Sondermüllverbrennungsanlage interessant wurde. Dann besonders ab 2008 im Staatswald an der Eder zwischen Quelle und Altenteich, um den Rothaarsteig, den neuen, ungemein attraktiven Fernwanderweg, sicher zu machen. „Auf einmal wurde hier alles auf links gedreht“, erinnert sich Diethard Altrogge. Nicht alles lässt sich wegräumen. „Die damals ganz jungen Bestände haben immer noch Splitter“ — das gibt dann „Splitterabzüge“ beim Holzverkauf. Der Wald vergisst nichts.

Ergiebige Suche lange nach Kriegsende

Nach der Wiederaufnahmeder Munitionsräumung im Muna-Gebiet wurden innerhalb des ersten Jahres auf 22 Hektar Waldgebiet 6349 scharfe Granaten und 3340 Kilo Munitionsteile gefunden. Vier Bomben wurden an Ort und Stelle gesprengt.