„Der Hafer war wie ein Lottogewinn“

Geisweid..  Zum gerade begonnenen Frühjahr werden bei Kurt Mackenbach Erinnerungen wach. Der 83-jährige Raumausstattermeister sitzt in seinem Wohnzimmer, blättert in seinen alten Fotoalben. Genau 70 Jahre ist es her. Damals hatte Kurt Mackenbach als 13-jähriger Junge ein Erlebnis, das ihn bis heute nicht losgelassen hat.

„Hafer war für die Pferde nicht mehr zu gebrauchen, aber für uns Menschen war er ein Geschenk“, leitet er seine Erzählung ein, die die Hungersnot im Frühjahr 1945 deutlich macht. Gemeint ist nämlich der Hafer, der bei Ende des Krieges tonnenweise auf dem Reithallenboden der Wellersbergkaserne lag. Fliegerbomben hatten die Halle zerstört. Wann die letzten Pferde ausgezogen beziehungsweise ausgerissen sind, daran kann sich Kurt Mackenbach freilich heute nicht mehr genau erinnern. Entscheidend war: „Es hatte sich in Geisweid herumgesprochen, dass es auf dem Wellersberg Gratishafer gab. Als meine Eltern davon erfuhren, bekam ich von ihnen sofort den Marschbefehl.“

Die Schulen sind zu jener Zeit geschlossen. Kurt Mackenbach macht sich bei schönem Frühlingswetter mit Handwagen und Jutesack auf den Weg nach Siegen. So zieht der 13-Jährige, dessen Elternhaus damals in der Birlenbacher Straße ganz in der Nähe des heutigen Technologiezentrums lag, los. „Unterwegs traf ich weitere hungernde Menschen mit dem gleichen Ziel, Hafer für die Familie zu besorgen.“ Endlich ist der Junge am Wellersberg angelangt. Doch nach der Bombardierung ist der gesamte Hafervorrat durch Glas- und Betonsplitter verunreinigt. „Da kaum Regen gefallen war, zeigten sich Gott sei dank noch keine Keime an dem Hafer. Schnell war der Sack – oder waren es zwei – gut gefüllt“, so Kurt Mackenbach. „Groß war die Freude, als ich mit dem Hafer zu Hause ankam. Und alles ohne Lebensmittelmarken!“

Splitter und Steine heraussortiert

Die Hauptarbeit beginnt jetzt allerdings erst richtig. Sieben Personen wohnen damals im Hause Mackenbach. Tagelang ist die ganze Familie damit beschäftigt, Glas, Steine und Beton aus dem Hafervorrat auszusortieren. Erst dann können die Getreidekörner für Suppen, Brot und Pfannkuchen verwendet werden. „Trotzdem kam es häufig vor, dass wir beim Essen auf Glassplitter bissen“, sagt Kurt Mackenbach. „Aber was für Pferde gut ist, tut auch dem Menschen gut. Der Hafer war für uns jedenfalls wie ein Lottogewinn.“