Der Arbeitsplatz ist zum Tatort geworden
01.06.2010 | 18:39 Uhr 2010-06-01T18:39:00+0200
Hilchenbach.Vier ehemalige Mitarbeiter des Hilchenbacher Bauhofs stehen seit fast drei Monaten vor Gericht, weil sie einen Kollegen über Jahre misshandelt und gequält haben sollen.
Über den ursprünglich 60 Anklagepunkten steht, vor Gericht unausgesprochen, der Oberbegriff „Mobbing“. Selten gibt ein Strafprozess so tiefe Einblicke in Extremsituationen am Arbeitsplatz. Ein Blick auf den Stand der Dinge – nach 14 Verhandlungstagen am Ende der Beweisaufnahme.
Zwischen Halle 3 und 4 des Bauhofs hält sich bereits der damals 51-jährige Kommunalarbeiter Friedrich S. auf, als Bernd D., der 28-jährige Gärtner, hinzukommt. „Auf einmal war sein Finger in meinem Auge.“ S. fühlt sich angriffen, schlägt D. mit dem Stiel einer Harke auf den Rücken. Der Stiel zerbricht. „Die schlagen mich seit Jahren“, berichtete er am selben Nachmittag seiner Mutter. Der Vorfall macht die Runde. Am 24. Juli 2008 schließlich setzt Bürgermeister Hans-Peter Hasenstab die Staatsanwaltschaft von dem „Verdacht schwerwiegender Verfehlungen“ seiner Mitarbeiter in Kenntnis – mit der Bitte „um weitgehend vertrauliche Behandlung“.
Bernd D. macht den Eindruck eines kräftigen, selbstbewussten Mannes. Er spricht laut. Schnell fällt auf, wie ungebremst er seiner Verachtung freien Lauf lässt, wenn er über seine früheren Kollegen und Vorgesetzten spricht. Das Gelächter in den Zuschauerreihen erstickt bald, weicht einem quälenden Miterleben. Als Sechsjähriger wurde Bernd D. bei einem Verkehrsunfall verletzt. Zurück blieb neben motorischen Handicaps und Beeinträchtigungen beim räumlichen Sehen ein hirnorganisches Psychosyndrom, das sich auch auf die Steuerung von Affekten auswirkt. „Kein Mensch, mit dem man leicht Umgang hat“, sagt der Berliner Psychiater Dr. Steffen Lau.
Bernd D. schaffte Reha und Therapie, ihm gelang ein qualifizierter Hauptschulabschluss. „Ich habe oft gedacht, wenn der Unfall nicht gewesen wäre, hätte er eine andere Karriere gemacht“, sagt sein Hausarzt Der Vater, ein Kriminalbeamter, starb bei einem Verkehrsunfall, als Bernd 13 war. Im August 1998 begann er seine Ausbildung bei der Stadt Hilchenbach, die unter besonderen Vorzeichen stand. Der Großvater und eine Cousine der Mutter waren bei der Stadt beschäftigt gewesen. Und es war der Bruder des Bauhofleiters, von dessen Wagen der sechsjährige Bernd erfasst wurde. Der Start in den Beruf war von Anfang an belastet. „Ich bin ein Nichts“, habe er über den Marktplatz rufen müssen, berichtet seine Mutter, die 57-jährige Arzthelferin Luise D.
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