Demirel Kocak - Zerrissen zwischen zwei Ländern

Demirel Kocak kam 1991 ins Siegerland. Er fühlt sich hier wohl und sicher, aber eine richtige Heimat hat er irgendwie verloren.
Demirel Kocak kam 1991 ins Siegerland. Er fühlt sich hier wohl und sicher, aber eine richtige Heimat hat er irgendwie verloren.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Demirel Kocak spricht über seine Sehnsucht nach der Türkei und wieso er sich dort trotzdem nicht so richtig heimisch fühlen kann.

Geisweid.. In ordentlichen Reihen stehen Turnschuhe neben Slippern und Lederschuhen. Die Regale reichen bis unter die niedrige Decke. Noch immer kommen junge und alte Männer zum halb versteckten Eingang der Moschee, obwohl der Ruf zum Mittagsgebet schon verstummt ist. Jeder grüßt freundlich. Während des Gebets hört man den leichten Singsang, während sich die Männer hinknien.

Demirel Kocak ist einer der letzten, die nach dem Gebet die Treppe herunterkommen. Sein Händedruck ist fest und er lächelt freundlich zur Begrüßung. Während einige der Männer sich draußen unterhalten oder nach ihren Schuhen suchen, setzt Demirel Kocak sich mit einigen anderen in einen kleinen Raum und beginnt, über seine Heimat zu reden.

Türkische und deutsche Freunde

Die ersten paar Jahre seien schwierig für ihn gewesen. Irgendwann habe er die Moschee gefunden. Dadurch habe er neue Freundschaften geschlossen, erzählt er und lächelt. Seine Hände sind gefaltet und er spricht sehr ruhig. „Ich habe türkische, aber auch deutsche Freunde“, betont er. 1991 ist er nach Deutschland gekommen. Er hat jetzt ein eigenes Haus, drei Kinder. Wenn er mit seiner Familie wegfährt, dann vermisst er das Siegerland. „Wenn man das Schild mit der Ausfahrt Siegen sieht, fühlt man sich anders, heimisch“, beschreibt er das Gefühl, nach Hause zurückzukehren.

In seiner Anfangszeit in Deutschland musste Demirel Kocak keine Vorurteile aus dem Weg räumen. Er darf jederzeit beten, wann er möchte, leben wie er möchte. „Meine Traditionen kann ich in den Alltag mitnehmen“, sagt er. Er lebt gern hier. Er mag den Wald und die frische Luft. Große Städte sind nichts für Demirel Kocak: „Wenn ich dort übernachte, ist das zu viel für mich, dann will ich wieder hier hin.“ Zum ersten Mal gestikuliert er mit seinen Händen.

„In Siegen kenne ich alles"

Er schaut ernst, wenn er das sagt. Die Männer mit ihm im Raum mischen sich ein, diskutieren über diese eine Frage, wo ihre Heimat jetzt ist. Eine Frage, die sich auch in der Türkei stelle. Einige von ihnen sehen es anders als Demirel Kocak, fühlen sich im Siegerland fremd. Für ihn ist es andersherum. „Die meiste Zeit meines Lebens habe ich hier verbracht, ich habe hier alles, ein Zuhause“, sagt er, überlegt noch einmal. Vielleicht sei die Zeit, die er in der Türkei verbringe, zu kurz, um sich dort heimisch zu fühlen. Vier Wochen pro Jahr würden er und seine Familie in die frühere Heimat fahren. Wenn er die Grenze passiere, habe er Sehnsucht. „Bin gleich da, bin gleich da“, denke er dann. Doch schon bald fühle er sich dort fremd.

Hintergrund Das sei schon fast ein Sprichwort geworden, sagt Demirel Kocak. Seine Landsmänner im Raum nicken, schildern knapp, dass sie sich genauso fühlen. Irgendwo ist die Heimat, die frühere Heimat, verloren gegangen. Geblieben ist ein Gefühl der Zerrissenheit zwischen zwei Ländern, die doch nicht richtig Heimat sind.

„Unsere Wurzeln sind in der Türkei, aber ich persönlich habe in Siegen ein sicheres Gefühl, ein anderes Gefühl.“ Wenn er in der Türkei leben könnte, mit dem gleichen Gefühl, könnte er sich dann dort auch heimisch fühlen? Demirel Kocak nickt. Aber ob er jemals zurück geht, das weiß er nicht. Das würde die Zeit irgendwann schon zeigen.

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