Dem Morden tatenlos zugesehen

Gedenkfeier am Fred-Meier-Platz
Gedenkfeier am Fred-Meier-Platz
Foto: hn

Kreuztal..  Es war der 28. Februar 1943, als der kleine Fred Meier und seine Eltern nach Auschwitz deportiert wurden. Die Schilderung dieses Ereignisses ist der Augenblick der jährlichen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus in Littfeld, an dem den Anwesenden die Ungeheuerlichkeit bewusst wird, wie systematisch die Nazis versuchten, ein ganzes Volk zu vernichten.

Krombachs evangelischer Pfarrer Frank Hippenstiel sparte am Dienstag in seiner Rede vor rund 200 Erwachsenen und Kindern dieses Szenario nicht aus und beschrieb, wie Siegfried Meier mit seiner Frau Minna und dem erst dreijährigen Fred – „begleitet von einem Schergen der Nazis“ – zum Littfelder Bahnhof gehen musste, um von dort über Siegen und Dortmund ins Vernichtungslager in Polen transportiert zu werden.

Schule und Jugendtreff nehmen teil

Zum 33. Mal wurde in Littfeld der ermordeten Juden aus diesem heutigen Kreuztaler Stadtteil gedacht. Der 27. Januar ist seit 1996 offizieller Gedenktag: Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden von Auschwitz. Fred Meier, seine Eltern und die weiteren sieben jüdischen Bürger aus Littfeld und Krombach, die deportiert wurden, waren da vermutlich schon tot. Ein Todesdatum kennen die Geschichtsforscher nicht.

Pfarrer Hippenstiel erinnerte daran, wie die Juden, die seit eineinhalb Jahrhunderten Teil der Littfelder Dorfgemeinschaft waren, „Schritt für Schritt gedemütigt, ausgegrenzt und für rechtlos erklärt“ wurden. Er beschrieb den in nur wenigen Jahren von den Nazis eingeleiteten Prozess von der Diskriminierung bis zur Vernichtung, die außer den Juden auch Sinti, Roma, Homosexuelle und alle Andersdenkenden betraf. Fred Meier, dem der kleine Platz vor dem Littfelder Feuerwehrhaus seit 1983 gewidmet ist, war eines von eineinhalb Millionen jüdischen Kindern, die dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer fielen.Wenn aktuell wieder Parolen von Rechts laut werden, die erneut Ausgrenzung fordern, müsse dem entgegengetreten werden: „Wachsamkeit ist notwendig.“

Umrahmt wurde die Feier von Beiträgen der Chorkinder der Adolf-Wurmbach-Grundschule, die das israelische Lied „Hawa nagila“ sangen, und von vier Kindern des Jugendtreffs „Glonk“. Leia Haschke, Patricia Moll, Denise Jochum und Luke Haschke trugen Adolf Wurmbachs Gedicht „Schatten“ vor, in dem der Heimatdichter den Verlust seines Freundes Raphael Meier, einem Mitglied der jüdischen Gemeinde, beklagt.

Littfelder legen Kränze nieder

Bürgermeister Walter Kiß stellte die Frage, wie es möglich gewesen sei, „Menschen, die bis dahin ein ganz normaler Teil unserer Gesellschaft waren, quasi einzusammeln und zum Töten abzutransportieren – unter den Augen von Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen“. Propaganda, Hetze, Falschinformation und Legendenbildung hätten dahin geführt: „Anders ist es nicht zu erklären, dass auch unsere Mitbürger in Littfeld und anderswo dem Abtransport und letztlich der Ermordung der Familie Meier tatenlos zugesehen haben.“ Mit Kranzniederlegungen durch den Bürgermeister und seine Stellvertreter, der Fraktionen des Rates, der Dorfvereine und der Kinder der Adolf-Wurmbach-Grundschule ging die Gedenkfeier zu Ende.

Hilchenbach holt Geschichte in die Gegenwart

„Es ist egal, wer einlädt“, sagt Pfarrer Rüdiger Schnurr, „es kommt darauf an, wer gekommen ist.“ Die Initiative, anderthalb Jahre nach dem Setzen des Gedenksteins für die jüdischen Opfer des Holocaust dort am 27. Januar zusammenzukommen, hatte der SPD-Ortsverein ergriffen. Gekommen waren viele – auch Vertreter aus allen Ratsfraktionen, der Bürgermeister und seine Stellvertreter.

Stolpersteine geschändet

Die Kirche schützt an diesem nasskalten Nachmittag vor dem Wetter. Nach draußen geht die große Versammlung erst zum Abschluss, als Betty Roth und Katrin Fey den Kranz niederlegen. Drinnen hat der Siegener Vorwärts-Chor zuvor das Lied von den Moorsoldaten gesungen, Neunt- und Zehntklässler der Carl-Kraemer-Realschule haben aus Tagebüchern von Überlebenden vorgetragen – zwei von ihnen in nachempfundener Häftlingskleidung. Lehrer Soufien Nafati hat ihnen mit dem Edding eine Nummer aufs Handgelenk geschrieben. Die lässt sich wieder abwaschen — anderes nicht.

Das Erbe zum Beispiel, das der Redner zuvor angesprochen hat: der Holocaust, der auch die folgenden Generationen verbindet. „Wir können nichts dafür und müssen irgendwie damit leben“, sagt er. Und schlägt den Bogen zur Gegenwart. Wer Juden hasst, hasst Menschen: Denn Kern des Menschseins ist das Anderssein. „Machen wir uns keine Illusionen“, sagt der Mann, dessen Großvater das KZ überlebt hat, dessen Familie aus Ungarn nach Israel übergesiedelt ist und der heute, dank des Jugendaustauschs der Partnerkreise Siegen-Wittgenstein und Emek Hefer, mit einer Siegenerin verheiratet ist und in Siegen lebt. Seinen Namen möchte er nicht gedruckt sehen. Er hat Angst, wieder. Und er erklärt nachvollziehbar auch, warum.

Pfarrer Rüdiger Schnurr zitiert seine Worte, die er bei der Enthüllung des Gedenksteins gesprochen hat. Dafür, dass er Versäumnisse und Irrwege seiner Kirche im Nazi-Regime kritisiert habe, sei er heftig kritisiert worden. „Diese Art von Wehleidigkeit von Leuten, die nur auf sich selbst schauen, trägt dazu bei, dass die Würde der Opfer geschmälert wird.“ Schnurr vergleicht die Demütigung der Juden, mit denen ihre Verfolgung begann, mit Diskriminierungen, die heute vor Asylheimen oder auf Schulhöfen passieren. „Und immer wieder werden Opfer in die Anonymität gestoßen.“ In Hilchenbach hat jemand die Namen auf den Stolpersteinen geschwärzt. Gedemütigt über den Tod hinaus.