Daumen drücken für die „Weitblicker“

Bürgermeister Andreas Reinéry (Kirchhundem), Stadtbaurat Eberhard Vogel (Kreuztal) sowie die Bürgermeister Paul Wagener (Netphen) und Hans-Peter Hasenstab  (Hilchenbach, von links) vertreten das „Quartett mit Weitblick“.Foto:Steffen Schwab
Bürgermeister Andreas Reinéry (Kirchhundem), Stadtbaurat Eberhard Vogel (Kreuztal) sowie die Bürgermeister Paul Wagener (Netphen) und Hans-Peter Hasenstab (Hilchenbach, von links) vertreten das „Quartett mit Weitblick“.Foto:Steffen Schwab
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Netphen/Kreuztal/Hilchenbach/Siegen..  Ein Zukunftsmarkt am Anfang, ein Projektmarkt am Ende, dazwischen zwei Projektwerkstätten: Die Netphener, Siegener, Kreuztaler, Hilchenbacher und Kirchhundemer haben sich und ihre Bürgerhäuser, Stadt- und Schützenhallen gut kennen gelernt in den letzten vier Monaten, in denen sie ihre Bewerbung als Leader-Region geschmiedet haben. „Machen Sie was draus“, ruft Olaf Kasper zum Abschied in die Brachthausener Schützenhalle, „egal wie das weitergeht mit dem Wettbewerb.“

Der Stadtplaner aus Dortmund und sein Team werden jetzt das 120 Seiten starke Bewerbungsheft zusammenstellen. Und dann dem „4 plus Quartett mit Weitblick“, als das die vier Kommunen mit Siegens dörflichen Stadtteilen im Schlepptau auftreten, die Daumen drücken — dass es wirklich den Zuschlag bekommt für eines der Drei-Millionen-Euro-Pakete. „Wir können heute schon von einem Gewinn sprechen“, lobt Kirchhundems Bürgermeister Andreas Reinéry die Ideen- und Kontaktbörse, die da entstanden ist.

Die engagierten Ehrenamtler und die Verwaltungsleute haben eins gemeinsam: den ausgesprochen nüchternen Blick auf das, was Land und EU dem ländlichen Raum da anbieten. Vielleicht, so sagt es zum Beispiel Norbert Kaufmann vom Kirchhundemer Bürgerverein, wirft das Programm noch ein paar Extras ab. Ihr Dorfentwicklungskonzept haben sich die Bürger jedenfalls mit Hilfe des Landschaftsverbandes in Eigeninitiative erarbeitet. „Man muss uns dazu nicht aufrufen.“ Dass dem Aufruf zu den Ideenbörsen vor allem die gefolgt sind, die längst wissen, wo sie anklopfen müssen, um ihre Projekte zu finanzieren, liegt auf der Hand. Dass sich nur wenige neue Gesichter darunter mischen, kann Kaufmann gut nachvollziehen: „Das ist nicht das Kernthema, das die Bevölkerung bewegt.“

Blick über den Wettbewerb hinaus

Andererseits: Es gibt sie doch, die neuen Akteure. Sabine Thönissen und Christian Gerhard zum Beispiel, die erst im vorigen Juli die Initiative zur Gründung eines Vereins zur Erhaltung von Schloss Junkernhees ergriffen haben. Jetzt, auf dem Projektmarkt, präsentieren sie schon ein bis ins nächste Jahrzehnt reichendes Programm für Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, mit Kammerkonzerten im Rittersaal und Rock in der alten Schlossküche. „Das Wichtigste“, sagt Christian Gerhard aber, „ist die Sanierung von Schornstein und Fassade.“ Und da ist auch Andreas Peter, der an den Haubergs-Projekten mitgestrickt hat. „Eine prima Chance, sich hier einzubringen“, sagt der Fellinghausener, ohne allzu euphorisch zu sein, was den Ausgang des Wettbewerbs angeht: „Vielleicht kann man das eine oder andere auch ohne Leader umsetzen.“

Marlene Krippendorf, Leiterin der Stadtplanung in Netphen, kennt das Spiel. „Es gibt immer wieder engagierte Bürger, und es wird immer auch andere Mittel geben, um Projekte umzusetzen.“ Den Beweis hat die Salchendorfer Ortsbürgermeisterin Alexandra Wunderlich mitgebracht: den Wassererlebnispfad an der Werthe, der bei der nun beendeten Südwestfalen-Regionale noch einer von „59 plus x Wasserorten“ war — und jetzt Teil eines Leader-Leitprojekts ist. Letztlich, sagt Bürgermeister Reinéry, sind die Gemeinden auf Wettbewerbe um Fördergeld und bürgerschaftliches Engagement angewiesen, um wenigstens die vorhandene Infrastruktur vor den Folgen von Landflucht und Überalterung zu retten: „Ein Wunschkonzert ist das nicht.“

Mit vielen Ideen geht die Region in den Wettbewerb

Die „Region mit Weitblick“ hat sich Mobilität und Netze (vom Bürgerbus bis zum Breitband), Daseinsversorge und Dorfleben, Land- und Bodennutzung angeschaut. Die drei Millionen Euro Projektmittel sollen auf die Bereiche Leerstandsmanagement/Baukultur (30 Prozent), „Mobil und gut vernetzt“ Ehrenamt/Soziales/Bildung, Kulturlandschaft der Zukunft (je 20 Prozent) und Nahversorgung/Gesundheitswesen (10 Prozent) verteilt werden. „Weitblick“ ist zeitlich, also auf die Zukunft gerichtet, und räumlich, über kommunale Grenzen hinaus, gemeint.

Leitprojekte

Mit diesen Leitprojekten gehen die fünf Städte und Gemeinden ins Rennen:
Radwege: Für die „Radfahrregion Leader 4+“ werden Radtourenangebote und eine „Schaden-Melde-App“ vorgeschlagen. Vor allem aber der Bau von Radwegen: Meiswinkel-Freudenberg, Panzerstraße, Siegtal-Obernautalsperre, Rhein-Weser-Turm-Kindelsberg, Eder-Lenne, Unglinghausen-Kredenbach, Herzhausen-Allenbach.
Baukultur: Investiert werden soll in „sinnstiftende Orte“. Wasserburg Hainchen, Ginsburg und Schloss Junkernhees haben Sanierungsbedarf. Aus dem Stift Keppel gibt es die Idee, das Internatsmuseum zu erweitern und im Tagungshaus einen multimedialen Veranstaltungsraum zu schaffen. Die Ginsburg soll Übernachtungsmöglichkeiten in Zelten („Kohten“) bieten.
Willkommenskultur: Die Stadt Kreuztal ist federführend und denkt an „Kümmerer“, Mentoren, Besuchsdienste, Integrationspaten und internationale (Schul-) Klassen.
„Reich an Wasser“: Hier findet das Werthetal-Projekt mit dem Salchendorfer Erlebnispfad und Wasserspielplätzen Raum, ebenso der „Historische Wassergang“ — angelehnt an die 3,5 Kilometer lange Leitung von Bürbach zum Oberen Schloss, die die Nassauer Grafen 1531 anlegen ließen. Außerdem: ein „Erlebniszugang“ zur Breitenbachtalsperre.
„Kulturgut Hauberg“: Dazu gehören die Idee eines mobilen Kindergartens und eines Feriencamps sowie die Errichtung eines „Haubergs- und Niederwaldzentrums“ in Fellinghausen. Genannt werden auch die Einrichtung einer Brennholzbörse und die Neugründung von Waldgenossenschaften.
Breitbandversorgung: Dazu gehören auch WLAN- „Hotspots“ an öffentlichen Plätzen.

Bewerbungsschluss ist Rosenmontag

Am 16. Februar (Rosenmontag) wird die Bewerbung in Düsseldorf eingereicht; im zweiten Quartal sollen die 22 Leader-Regionen in NRW benannt werden.

Ein Verein („Lokale Aktionsgruppe“; LAG) entscheidet über die Förderung, maximal 65 Prozent der Kosten und höchstens 250 000 Euro je Projekt. Im elfköpfigen Vorstand haben die fünf Kommunen je einen Platz. Die Mehrheit stellen „Wirtschafts- und Sozialpartner“, Kammern und Vereine, zum Beispiel auch Uni oder Biologische Station.

Mindestens 300 000 Euro steuern die Kommunen bei. Das sind die Kosten für das „Regionalmanagement“ bis 2022.