Das Menschliche siegt über den Widerspruch

Siegen..  Martin Hofer hat einen verdammt harten Job: Nichtstun. In der Apollo-Produktion „Ziemlich beste Freunde“, die ab dem morgigen Samstag im Siegener Theater läuft, spielt er den querschnittgelähmten Philippe, der dank einer neuen – und ungewöhnlichen – Freundschaft wieder Lebensfreude findet. Es ist die Bühnenfassung der gleichnamigen französischen Erfolgskomödie aus dem Jahr 2011. Fast alle Siegener Aufführungen sind bereits ausverkauft.

„Nichtstun“ ist in Hofers Fall eine zweischneidige Sache, eben deshalb hat es nichts mit Entspannung zu tun. Mit seinem Körper darf er zwar nichts machen, leisten muss er dennoch ungemein viel; denn als vom Hals abwärts gelähmter Mann muss er seine Rolle nur mithilfe der Möglichkeiten ausfüllen, die sich oberhalb des Nackens eröffnen.

Hofer ist diesmal Kopfarbeiter im engsten Sinne, doch seine Bühnenpräsenz leidet darunter nicht. Wechselspiel und Widerspruch mit Simon Pearce, der als Driss der quirlige, aufgedrehte, enorm körperliche Gegenpol von Philippe ist, fachen das Spannungsfeld kontinuierlich an, unterstreichen physisch den Kontrast, der zwischen den beiden Hauptfiguren inhaltlich besteht – und der doch gerade das entscheidende Moment für das Entstehen ihrer Freundschaft ist.

„Ich bin eher ein Verzappelter“, sagt Martin Hofer über seine Rolle. „Ich musste erst lernen, dass alles unterhalb des Halses Blei ist.“ Anfangs seien ihm noch unwillkürliche Bewegungen durchgegangen, etwas ein Zucken mit den Zehen während des Sprechens. Mittlerweile kann er solche Regungen in Perfektion kontrollieren. Der Rollstuhl sei, zumindest auf der Bühne, „fast zu meinem Körper geworden“. Effekt ist eine Authentizität, die das elektronisch gesteuerte Hilfsmittel zum Teil von Hofers Präsenz werden lässt.

„Ziemlich beste Freunde“ gilt als einer der erfolgreichsten Filme der französischen Kinogeschichte. Das Apollo realisierte die Inszenierung in Zusammenarbeit mit dem Turmtheater Regensburg, wo das Stück im Dezember lief. „Ich glaube, dass es wenige Filme gibt, die so gut auf der Bühne funktionieren“, sagt Apollo-Intendant Magnus Reitschuster – der erst den Film sah, später eine Bühnenfassung.

Übersetzung in ein anderen Medium

Der Film allerdings hat für die Inszenierung, die nun in Siegen anläuft, wenig Relevanz, wie Regisseur Michael Bleiziffer betont. „Der Film ist für uns wie Sekundärliteratur. In dem Moment, wo man versucht, den Film zu kopieren, ist man auf der falschen Fährte.“ Schon öfter habe er Filme „fürs Theater übersetzt“. Die Spannung liege in der Frage, wie sich der Medienwechsel vollziehen lasse, wie das Geschehen von Leinwand oder Bildschirm im realen Raum des Theatersaals Form annehmen kann. „Die sinnliche Begegnung zwischen Zuschauer und Schauspieler – das ist der Reiz“, sagt Bleiziffer.

„Ziemlich beste Freunde“ sieht er als „ein Stück Gebrauchstheater mit wahnsinnig viel Tiefgang: Wir lassen ganz tragische Momente mit komödiantischen zusammentreffen. Wir wollen das Leben in allen Facetten zeigen.“ Dabei wird auch klar, dass abgekrampfte Political Correctness das Leben nicht besser macht, sondern schnell in Herablassung abdriftet. Dass Driss einen Zugang zu Philippe findet, liegt maßgeblich in einer Besonderheit begründet: Der Rollstuhl ist ihm egal, er begegnet dem Querschnittsgelähmten auf Augenhöhe und mit – oder auch ohne – demselben Respekt wie allen anderen Menschen.