Das Aufräumen beginnt sofort

Deutscher „Tiger“-Panzer in Netphen: Willi Mues (Erwitte) hat das Bild in seinem
Deutscher „Tiger“-Panzer in Netphen: Willi Mues (Erwitte) hat das Bild in seinem
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Vor 70 Jahren : Der Krieg ist vorbei, das Siegerland befreit. Blicke auf die ersten Tage. Heute: 18. April 1945.

Siegerland..  Montagmorgen in Unglinghausen. Die ganze Nacht hindurch hagelten immer noch deutsche Granaten auf die amerikanischen Panzer, die durch das längst besetzte Dorf fuhren. Dr. Erich Franz, mit seiner Familie aus Weidenau evakuiert, schreibt auf, was er empfindet, als die gefangenen deutschen Soldaten abgeführt werden: „Da steht sie nun, unsere stolze Deutsche Wehrmacht, ein trostloser Haufen. Daneben kraftstrotzend und gesund, das Gewehr im Anschlag, die Söhne Amerikas. So also sieht das Ende aus.“

Wenige Kilometer weiter beobachtet Hermann Engelbert den Zug der Gefangenen durch das Heestal — ganz anders: „Eine hohe Freude lag doch ganz unverkennbar auf allen Gesichtern: nun hat das Kriegshandwerk für uns ein Ende. Es kam das Sammeln der Gefallenen, und wir selbst atmeten auf.“

Unter britischem Kommando

Gerade einmal eine Woche ist das her. Schon am Mittwoch danach, am 18. April, hat Engelbert, Lehrer, SPD-Politiker und Stadtchronist aus Kreuztal, nach zwölf Jahren erzwungenem Ruhestand eine neue Aufgabe. Fritz Fries, der vier Tage zuvor vom britischen Kommandanten Major Braine zum Landrat ernannt worden ist, hat seinen politischen Weggefährten zum Schulrat gemacht.

Engelbert wendet sich sofort mit einer „dringenden, befehlhaften Bitte“ an die Kollegen, die wegen der Schulschließung ohnehin unbeschäftigt sind: „Jeder einzelne und jede einzelne hat rückhaltlos und vorbildlich im allgemeinen Arbeitseinsatz zur Beseitigung der dringendsten Kriegsschäden und -nöte mitzuhelfen.“

Die Menschen brauchten etwas zu essen, und sie brauchten ein Dach über dem Kopf. Fast 40 Prozent der Wohnungen waren mehr oder weniger stark zerstört – in den Ämtern Freudenberg und Netphen jede dritte, in Ferndorf fast jede zweite und im Amt Keppel mehr als die Hälfte, in Siegen war so gut wie keine Wohnung unbeschädigt geblieben. 36 der 115 Gemeinden des Landkreises waren das Ziel von Bombenangriffen gewesen, bei denen allein 564 Menschen ums Leben kamen.

In der Stadt Siegen starben 715 Menschen bei den Bombardierungen. Die Gesamtzahl der Opfer ist um ein Vielfaches höher. Über 18 000 Menschen, die 1939 im Siegerland lebten, waren 1946 nicht mehr da – als Soldaten oder Zivilisten getötet, umgebracht, gestorben oder verschollen.

Major Braine und seine Leute hatten den amerikanischen Kommandanten abgelöst, der am 1. April das von der deutschen Verwaltung bereits verlassene Landratsamt übernommen hatte. Schon der US-Stab hatte den Kreuztaler Amtsbürgermeister Dr. Erich Moning aufgefordert, die Stadt räumen zu lassen, um Wohnraum für die befreiten russischen Zwangsarbeiter zu schaffen. Dr. Moning verweist auf die leer stehenden Kasernen der ehemaligen Garnisonsstadt Siegen, in denen dann das „Russenlager“ eingerichtet wird. 30000 Menschen, als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ins Siegerland verschleppt, sind nun als „Displaced Persons“ zu versorgen.

In Unglinghausen gibt es noch einen anderen Grund zum Traurigsein. Lumpi ist seiner Familie, die hier nach acht Wochen im Bunker Zuflucht gefunden hat, aus Weidenau nachgelaufen. „Unsere Bauern verboten uns, ihn zu behalten“, schreibt Dr. Erich Franz in sein Tagebuch, „ein Soldat hat ihn erschossen, der Dank für Treue! Die Kinder weinen. Tränen in dieser Zeit für einen Hund? Er war ein Freund.”

Die letzten Wochen des zweiten Weltkriegs

18. März:Bombenangriff auf Buschhütten, Ferndorf und Kreuztal. 58 Menschen sterben. Von Deuz aus werden 300 Zwangsarbeiter über die Siegquelle Richtung Osten geschickt, dem Beschuss der Tiefflieger ausgeliefert. Abends kehren sie entkräftet zurück.
27. März: Hauptabschnittsleiter Neuser ordnet vom Siegener Kaisergartenbunker aus an, das Siegerland „von allen lebenden Wesen“ zu evakuieren.
29. März: Amerikanische Truppen treffen im südlichen und östlichen Siegerland ein, deutsche Truppen ziehen durch Deuz in Richtung Lützel, vom Netpherland aus beginnt der mehr als einwöchige US-Artilleriebeschuss auf Hilchenbach.
31. März: Landrat Justus Weihe teilt dem Regierungspräsidenten den eigenen Rückzug mit: „Nachdem der Feind bis in die nächste Nähe von Siegen vorgedrungen ist, habe ich die Verwaltung des Landratsamtes nach Hilchenbach verlegt und die Befehlsstelle in Siegen aufgelöst, da sonst die Gefahr bestanden hätte, daß die Verbindung zwischen ihr und dem unbesetzten Teil des Landkreises abgerissen wäre.“
5. April: Wilhelm Münker, der Mitbegründer des SGV und spätere Hilchenbacher Ehrenbürger, wandert nach Burgholdinghausen, wohin sich NSDAP-Kreisleiter Neuser verzogen hat. Ob „der Krieg für das Siegerland noch Zweck hat“, fragt er den Nazi-Funktionär und notiert sich dessen Antwort: „Wir werden den Krieg gewinnen.“
7. April: Der Hilchenbacher Amtsbürgermeister Franz Pränger soll Musterungsbefehle zustellen. Er kommt nur bis Allenbach, die Straße wird beschossen. „Meine letzte Amtshandlung im Dritten Reich“, schreibt er auf Papier dem „Divisionsgefechtsstand“. Und gibt es zu den Akten. „Zu den vorgesehenen Musterungen ist es nicht mehr gekommen.“
8. April: Deutsche Soldaten führen einen alten Mann durch die Hilchenbacher Bruchstraße: Wilhelm Münker, weil er die weiße Fahne am Rathaus hissen ließ. Er soll erschossen werden. Dazu kommt es nicht. Bevor sie abziehen, zünden die Deutschen die Lederwerke an.
9. April: Der Tag, an dem der Krieg im Siegerland zu Ende ist. Britisches Militär übernimmt das Kommando von den Amerikanern.