Bonner Babyleiche lag wohl mehrere Tage im Zimmer

Die beschuldigte Mutter betritt den Gerichtssaal in Siegen versteckt hinter einer Jacke. Die Anklage wirft ihr zweifachen Totschlag vor.
Die beschuldigte Mutter betritt den Gerichtssaal in Siegen versteckt hinter einer Jacke. Die Anklage wirft ihr zweifachen Totschlag vor.
Foto: Jens Plaum
Was wir bereits wissen
Tag zwei im Prozess um die toten Säuglinge, die im August vergangenen Jahres in Tiefkühlfächern in Siegen und in Bonn gefunden wurden.

Siegen.. Immer wieder nimmt der Mitarbeiter ihres Verteidigerteams sie in den Arm, reicht ihr Taschentücher. Nach rund eineinhalb Stunden muss die Verhandlung unterbrochen werden.

„Meiner Mandantin geht es nicht gut“, sagt Anwältin Katharina Batz. 20 Minuten Pause.

Es ist Tag zwei im Prozess um den Tod von zwei Neugeborenen im September 2013 und August 2014. Die Mutter (32) muss sich wegen des Verdachts des zweifachen Totschlags vor dem Schwurgericht in Siegen verantworten.

Sechs Mediziner sollen Aufschluss geben über den Zustand der Angeklagten unmittelbar nach der zweiten Geburt. Und – noch wichtiger – über den Zustand der beiden Jungen, die zur Welt kamen.

Die Todesursache bleibt allerdings auch an diesem Mittwoch im Dunkeln.

Verwesungsmerkmale

Der Leiche des Säuglings, die im Eisfach in der Bonner Wohnung der Beklagten aufgefunden wurde, hat laut Gutachter Professor Ivo Leuschner, Kinderpathologe aus Kiel, „ein bis zwei Tage oder noch länger bei Raumtemperatur“ gelegen.

Darauf würden Verwesungsmerkmale hindeuten, betonte er. Beide Kinder hätten nach der Geburt gelebt. Die Lungen seien, erläuterte der Arzt, „intensiv belüftet“ gewesen. Das spreche für „relativ tiefe Atemzüge“.

Professor Gerhard Kernbach-Wighton, Institut für Rechtsmedizin in Bonn, spricht von „maximal 15 bis 30 Minuten“ Und: Die Säuglinge, so sein Kieler Kollege weiter, wiesen laut Rechtsmedizin Anhaltspunkte auf, „sehr reif“ gewesen zu sein. Auf ihnen sei Käseschmiere verteilt gewesen und die Fingernägel seien bis zu den Kuppen gewachsen. „Das passt zu einem Kind, das näher an der 40. Schwangerschaftswoche ist.“ Also einem geplanten Geburtstermin.

Jede Menge Ibuprofen geschluckt

Professor Kernbach-Wighton berechnete die Schwangerschaftswochen anhand des Geburtsgewichts der Babys. Demnach wog der Siegener Junge 1800 Gramm und war 44,5 Zentimeter groß.

Das Bonner Kind war 1870 Gramm schwer und maß 47 Zentimeter. Das spreche, sagt der Pathologe, für die 32. bis 34. Schwangerschaftswoche. Allerdings: Diese Annahme basiert auf „kaukasischen Werten“. Das entspricht dem mitteleuropäischen Typ. Die angeklagte 32-Jährige jedoch hat indische Wurzeln.

Probleme mit der Lunge

In Sachen Reife widerspricht Professor Ulrich Gembruch, Geburtsmediziner an der Uni-Klinik Bonn, seinem Kieler Kollegen: „Käseschmiere gibt es auch schon in der 30. Schwangerschaftswoche“, sagt er. Die übrigen Reifemerkmale könnten auch in der „34., 35. oder 36. Schwangerschaftswoche“ auftreten.

Verteidiger Daniel Nierenz und Boris Segmüller sehen Anhaltspunkte dafür, der Ibuprofen-Missbrauch ihrer Mandantin – sie soll am Tag zwischen 1200 und 3600 Milligramm eingenommen haben – habe dafür gesorgt, dass die Lungen beider Säuglinge nicht zum Gasaustausch fähig gewesen seien.

Die Frau hat nach eigenen Angaben die Schwangerschaften nicht bemerkt. Zudem soll das Medikament die Ausbildung des eigenen Blutkreislaufs der Kinder behindert haben. Dafür jedoch fanden die Gutachter keine hinreichenden Hinweise: „Der fetale Kreislauf war dabei, sich zu verschließen“, sagt Professor Leuschner. Kollege Kernbach-Wighton hat keine Spuren von Ibuprofen in den Kinderleichen gefunden.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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