Blauer Brief für Parteimitglieder

Siegerland..  Der 14-jährige Rudolf Hellmann führt Tagebuch. In den letzten Kriegswochen, als Bombenangriffe auch seinen Heimatort Ferndorf heimsuchen. Und auch danach, als der Krieg vorbei ist und Besatzer regieren. Zum Beispiel am 23. April: „Jetzt müssen sich alle Wehrmachtsangehörigen melden. Die russischen Fremdarbeiter kommen auch wieder, sie sollen in den Fabriken arbeiten. Alle Parteimitglieder werden bei ihren Arbeitsstellen entlassen.”

Auch Alfred Fißmer hat nun seinen letzten Arbeitstag. Seit 1. März 1923 war er Oberbürgermeister in Siegen. Jetzt enthebt ihn die britische Besatzung, seit zwei Tagen unter dem neuen Kommando von Major Dempster, seines Amtes. Als NSDAP-Mitglied und Mitglied des NS-Förderkreises gilt er als untragbar — wenngleich die Siegener ihn noch Jahrzehnte später als den Mann im Gedächtnis halten, der mit vorausschauendem Bunkerbau lebensrettende Zufluchtsorte geschaffen hat. Am 25. April wird Fritz Fries, der bereits als Landrat eingesetzt ist, auch Siegener Oberbürgermeister. Als er 1919 für die SPD in den Stadtrat gekommen war, war Fißmer schon da.

Fritz Fries war Metallfacharbeiter und Werkmeister, für die SPD nicht nur im Rat, sondern auch im Preußischen Landtag. Im April 1933 — so steht es in dem von dem Siegener Historiker Dieter Pfau herausgegebenen Band über das Kriegsende im Siegerland – wurde er erstmals verhaftet, brachte sich danach als Klempner mit eigenem Betrieb über die Runden, wurde schließlich von Alfred Fißmer 1944 zum Bunkerbeauftragten ernannt. „Ohne Zweifel waren die Menschen da schon, obwohl die ganze furchtbare Schuld des Nationalsozialismus erst später offenbar wurde, gründlich von der Irrlehre Hitlers geheilt“, schreibt Fries über diese Zeit. Das neue Amt in Siegen wird Fritz Fries nur für ein paar Monate ausüben. Ab 1. Juni ist er Regierungspräsident.

Die Männer kommen ins Gefängnis

„Heute hat der Führer Geburtstag”, hat Rudolf Hellmann am 20. April in Ferndorf in sein Tagebuch geschrieben. „Heute wurde das Dach fertig, und auch den Schuppen konnten sie noch eindecken.” Zur Schule gehen die Kinder nicht mehr. Im März wurde der Unterricht eingestellt. Lehrerin Luise Schepp berichtet in der Krombacher Schulchronik über die Tage der amerikanischen Besatzung zu Beginn des Monats April: „Die Amerikaner untersuchten die Schränke nach Nationalsozialistischem, beseitigten die Hitlerbilder, und der Schuldiener Keitel musste die Hakenkreuzfahne vor ihren Augen verbrennen.“

Die Schule wird Notunterkunft für Evakuierte, Durchgangslager für Rückwanderer. Dabei ging manches zu Bruch, zum seitenlangen Bedauern der Lehrerin auch der Kostümfundus in den Klassenschränken: „Mit wie viel Liebe hatte ich all die bunten Röckchen genäht, die weißen Schleier und Engelgewänder! Wie stolz trugen die Kleinen ihr Rotkäppchengewand, die Großen das blauseidene Königinnengewand... Vorbei!“

Rudolf Hellmann am 26. April: „Die wehrpflichtigen Männer müssen weg, sie kommen in Gefangenschaft, Hellmanns Heinz auch.” Am 30. April begeht Hitler Selbstmord. Der 14-jährige Rudolf: „Tante Ida hat für die Amerikaner gewaschen. Mutter holte eine Bescheinigung bei Meckels für den Bezug von: 1 Spind, 1 Spaten, 1 Schaufel, 1 Gabel und 1 Beil aus den Beständen des RAD-Lagers (Reichsarbeitsdienst; d.Red.). Erna und Ohlner Lore haben diese Sachen mittags geholt. Das Spind ist für mich. Man hört, Hitler wäre tot.”