Betrunkener will auf Hindenburgstraße schlafen

Foto: NRZ
Ein Mann liegt nachts auf der Straße und schläft. Die Polizei will den Betrunkenen zur Ausnüchterungszelle bringen. Er greift einen Polizisten an und bekommt selbst die Faust ins Gesicht.

Siegen..  Sebastian H. ist müde, schrecklich müde. Es ist 3 Uhr morgens, der Zug nach Hause ist längst weg, das eigene Bett unerreichbar weit entfernt. Und Sebastian H. hat über zwei Promille intus. Er legt sich hin. In die Nähe des Bahnhofs, sagt er.

Nein, auf der Hindenburgstraße, behauptet einer von zwei Polizisten, die den Mann am frühen Morgen des 16. Juni vergangenen Jahres aufgreifen. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchte Körperverletzung lautet der Vorwurf von Oberamtsanwalt Benjamin Schneider.

Ausgesprochen renitent

„Wir haben ihn zum Schutz der eigenen Person in Gewahrsam genommen“, sagt der 53-jährige Beamte vor Amtsrichterin Nena Roeske. Am Ende seines Aufenthalts auf der Polizeiwache ist Sebastian H. zwar wieder halbwegs nüchtern. Allerdings klagt er über schmerzende Nase, Zähne und Ohren. „Mein Kollege versetzte ihm einen gezielten Schlag ins Gesicht“, betont der Beamte. Schließlich habe der Beschuldigte – etwa 1,75 Meter groß und arg betrunken – den rund zwei Meter großen Polizisten mit erhobener Faust angegriffen. Für die Beamten alles im erlaubten Rahmen. „Ich habe seine blutende Nase versorgt“, beteuert der Ordnungshüter.

Weil Sebastian H. sich aus offizieller Sicht als äußerst renitent zeigt, gehen die Beamten wenig zimperlich mit ihm um. Die Rede ist von „in Bodenlage verbringen“ und „Arm-Dreh-Beuge-Hebel“. Aber schließlich „wurde der Widerstand gebrochen“, sagt der 53-Jährige. „Mit so einem Schlag kann man jemandem allerdings auch den Kiefer brechen“, entgegnet der Verteidiger. „Richtig“, gibt der Polizist zu. Im Zuge des Selbstschutzes sei solch ein Vorgehen aber erlaubt – zumindest was die rechtliche Seite anbelangt.

Bewährungshelferin Kendra Steuber zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild des Vorbestraften: „Zum ersten Termin kam er mit Bierflasche ins Büro.“ Vor Kurzem habe sich seine Freundin von ihm getrennt. Er soll sie geschlagen haben. „Er hat ein Alkoholproblem“, sagt die Bewährungshelferin. 2001 ist er in eine Prügelei geraten. Damals zog er sich einen Schädelbasis-bruch zu. Unter den Folgeschäden habe Sebastian H. noch heute zu leiden.

Tathergang unklar?

Richterin Nena Roeske blättert durch den Vorstrafenkatalog. Acht Eintragungen weist der Auszug auf. Unter anderem Vollrausch oder Fahrradfahren in einem Zustand, der die Teilnahme am Straßenverkehr eigentlich ausschließt. Zudem liegt eine weitere Anzeige wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor.

„Er hat sich als Bewährungsversager qualifiziert“, sagt Ankläger Schneider und fordert sechs Monate Haft. Eine „bedingt positive Prognose“ attestiert Bewährungshelferein Kendra Steuber. Die Verteidigung indes plädiert auf Freispruch. Es sei überhaupt nicht sicher, ob er sich tatsächlich auf die Hindenburgstraße gelegt habe: „Wenn er nicht gestört worden wäre, säßen wir heute nicht hier.“ Am Schluss stehen fünf Monate Haft – ohne Bewährung.

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