Beethoven pur im Siegener Apollo

Verneigung vor einem großen Komponisten – Philharmonie Südwestfalen und Beatrice Berrut, eine junge Schweizerin, zelebrieren Meisterwerke eines Meisters

Siegen..  Einen ganzen Abend Beethoven. Noch dazu zwei seiner wichtigsten Werke. Alles andere als sinfonischer Alltag. Schon das erste Stück des Abends, die Leonoren-Ouvertüre C-Dur, die er als Auftakt für seine einzige Oper „Fidelio“ komponierte, offenbart den ganzen Klangkosmos des Meisters: Fast andächtig beginnend, bewegt sich das Thema durch die Streichergruppen, um dann Fahrt aufzunehmen zum festlichen Musikstil, der Beethoven kennzeichnet. Um dann mit dem typisch wuchtig-pathetischen Schluss zu enden. Schon in diesen knapp zehn Minuten Beethoven ist „alles drin“.

Leichte Interpretation am Piano

Das dritte seiner fünf Klavierkonzerte ist Beethovens einziges Orchesterwerk in Moll, der Tonart einer nachdenklichen Gefühlswelt. Ein großes Werk, das nur durch großartige Künstler seinen ganzen Zauber entfalten kann. Daher gespannte Erwartung im Apollo Theater. Eine junge Pianistin aus der Schweiz, Beatrice Berrut, ist als Solistin angekündigt. Schon nach wenigen Tönen wird hörbar: Berrut interpretiert das Werk leicht, beschwingt, tänzerisch und dabei sehr rational. Nicht romantisch, sondern modern und durchsichtig. Gerade auf diese Art erreicht sie die Herzen der Zuhörer. Und das Orchester begleitet und ergänzt die Pianistin und macht die Klangkunst Beethovens perfekt.

Der besondere Teil dieses Werks ist jedoch das Klaviersolo, das viel Raum zur Gestaltung gibt. Mit der Leichtigkeit einer Glasperlenkette und der Zartheit einer Harfe umspielt und improvisiert Beatrice Berrut das Grundmotiv, lässt die Zuhörer für Momente die Augen schließen und in eine andere Welt entrücken. Das Beethoven-typische Finale jedoch macht hellwach und aufmerksam für eine bemerkenswerte Zugabe: Ein kleines Schmankerl Bachs in einer Bearbeitung des großen Klaviervirtuosen Wilhelm Kempff. Die beeindruckende Vorstellung einer jungen Künstlerin, die in vielen Konzertsälen der Welt aufgetreten ist und nun auch das Siegener Publikum in ihren Bann gezogen hat.

Beethovens 7. Sinfonie entstand 1812. Da war er 42 Jahre alt und lebte schon lange in Wien, der heimlichen Hauptstadt der Musik. Seit geraumer Zeit jedoch machte ihm eine fortschreitende Taubheit zu schaffen. In dieser Sinfonie bringt er die gesamte musikalische Gefühlswelt in den Konzertsaal. Rhythmen, die selbst den Dirigenten zum Tanzen und Springen bringen, ständig wechselnde Tempi und Dynamik. Beethoven wusste genau, wie er die Emotionen des Publikums erreicht. Die Rasanz und Wucht des Werks bedeutet auch für das Orchester körperliche Schwerarbeit. Es gibt nur wenige Phasen der Entspannung und Möglichkeiten zum Durchatmen. Besonders schön der Beginn des 2. Satzes: Die tiefen Streicher spielen das Motiv, die mittleren setzen es fort, die Violinen übernehmen. Der gleiche Ablauf anschließend bei den Bläsern. Und alles rhythmisch untermalt, pathetisch, farbig, wuchtig.

Tempo und Emotionen

Ein grandioses Werk, das bei der Uraufführung mit einem riesigen Orchester die mehr als 5000 Zuschauer in Wien begeisterte. Ludwig van Beethoven selbst stand am Dirigentenpult. Aber auch Chefdirigent Charles Olivieri-Munroe kitzelt aus seinem nicht einmal halb so großen Klangkörper alles an Tempo und Emotion heraus. Nach dem letzten Ton geht ein Aufstöhnen durch den Saal. Nicht der Erleichterung, sondern der Bewunderung. Großes Kino auch ohne Filmmusik. Eine Orchestergruppe der großartigen Philharmonie Südwestfalen hervorzuheben hieße, den anderen nicht gerecht zu werden. Daher soll es ein Einzelkünstler sein: Fabian Otten, der Mann am Schlagzeug und Meister des Rhythmus.

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