Aus einem Weiler wird ein Industrieort

nsichtskarte von 1905: Die Eisenbahn fährt noch auf der Chaussee, „Merje“ heißt noch nach seinem Inhaber Johannes Irle.
nsichtskarte von 1905: Die Eisenbahn fährt noch auf der Chaussee, „Merje“ heißt noch nach seinem Inhaber Johannes Irle.
Foto: Sammlung Dr. Hartmut Müller

Kredenbach..  Eigentlich, findet Dr. Hartmut Müller, ist Lohe „noch interessanter“: Der Adelssitz, der später mit der Loher Hütte einer der bedeutendsten Industriestandorte des Siegerlands wurde, hatte 2014 seine 700-Jahrfeier — beim jährlichen Sonntagscafé im Kredenbacher Gemeindezentrum hat Müller diese Geschichte erzählt. Nun ist Kredenbach selbst, wie Lohe und der Wüstenhof, ein Nassau-Siegensches Lehen, mit dem Jubiläum an der Reihe: Vor 675 Jahren wird der Hof zu Kredenbach erstmals als ein Lehen erwähnt, das der Witwe des Ritters Eberhard Daube von Selbach zu Lohe zufällt. An diesem langen Wochenende wird gefeiert.

Das Buch, das Dr. Hartmut Müller verfasst hat und das von der im Verein organisierten Dorfgemeinschaft – ein Dutzend Kredenbacher Gruppen, Institutionen und Vereine — herausgeben wurde, fällt aus dem Rahmen. Zum einen wegen des Titels: Der Autor beschränkt sich auf das 20. Jahrhundert. Die Geschichte davor gibt es live, am Donnerstag beim Dorfrundgang von Haus zu Haus, dann am Samstag beim Festvortrag, wo der Heimatforscher die ganze Geschichte vom Hof über den Weiler zum Ort zusammenfasst.

Zum anderen fällt das Buch durch seinen Mitautor auf: Dr. Müller nennt den 1980 verstorbenen Grundschul-Konrektor Helmut Haßmann, auf dessen Arbeiten zur Dorfgeschichte er aufbauen kann. „Der beste Lehrer, den ich hatte“, sagt Dr. Müller — der Lehrer, der in ihm die Liebe zur Heimatgeschichte weckte. Ohne ihn, so dürfte wohl feststehen, wäre die stattliche Reihe von Forschungsberichten kaum zustande gekommen, die der gebürtige Kredenbacher, bekannt auch als passionierter Natur- und Vogelkundler, zu ortsgeschichtlichen Themen erarbeitet hat.

Kredenbach im 20. Jahrhundert also: Viele Fotos, viele Häuser, viele Namen, viele Geschichten – ein spannendes Kompendium. „Von Haus zu Haus“, erzählt Dr. Hartmut Müller, habe er sich auf die Spurensuche begeben. Viele Einwohner haben mitgeholfen. „Da ist ganz schön was zusammengekommen.“ Zum Beispiel das:

1. Kredenbach ist da, wo man es gar nicht erwartet.

In Lohe natürlich, auf der anderen Seite der Bundesstraße. Aber auch da, wo der Ortsunkundige sich schon auf dem Territorium der Nachbarstadt wähnt. Die Firma Eisenbau Krämer zwischen B 508 und Bahnhof Dahlbruch gehört zu Kredenbach, der Bahnhof selbst übrigens auch, sodass der Stadtteil mit seinen rund 1700 Einwohnern eigentlich sogar zwei Bahnstationen hat... Es könnten übrigens auch fast 300 Bürger mehr sein: Das ganze Viertel um Weiher- und Bergstraße war wirklich einmal Kredenbach – bei der kommunalen Neugliederung 1969 ging Neulohe an Hilchenbach verloren.

2. Kredenbach erleuchtet Ung­linghausen.

Wenn auch nur mit Karbidlampen. Die werden „in einer Art Triumphzug“ 1921 in den Nachbarort getragen. Denn Kredenbach hat nun eine Straßenbeleuchtung, die mit Strom funktioniert.

3. Kredenbach hat’s doppelt und dreifach.

Kredenbach hat drei Schulen: die erste Dorfschule, in der auch Jung-Stilling einmal kurz unterrichtete und die heute Wohnhaus ist. Seit 1863 die weiße Schule im Ortskern. Die rote Schule in Lohe, auf dem heutigen Gelände der Spedition Menn, 1899 eröffnet und 1966 abgerissen. Und schließlich seit 1957 die heutige Jung-Stilling-Grundschule am Weinberg. Kredenbach hatte übrigens auch zwei Wasserwerke: „Wasserwerk Kredenbach 1912“ stand am Eingang des Hochbehälters Klünkesborn. „Wasserwerk Kredenbach 1955“ stand auf der Tür des Hochbehälters auf dem höher gelegenen Kellershain, der 2012 durch einen Neubau ersetzt wurde. Der Grundstein für das Klärwerk stammt übrigens aus dem Jahr 1971. Gereinigt wird dort vor allem das Abwasser der ferndorfaufwärts wohnenden Hilchenbacher.

4. Kredenbach hat fast alles.

Sogar drei Müllkippen: Im Klünkesborn, am Hasenbahnhof und am Hartborn kippt der Gemeindearbeiter alle 14 Tage den unsortierten Abfall ab — seit 1953 betreibt die Gemeinde, die mit Gemeindebüro, Gemeindediener, Totengräber, Gastwirtschaft, Tankstelle und Post so ziemlich alles hat, was ein Ort braucht, auch eine Müllabfuhr. Weit über Kredenbach hinaus von Bedeutung ist das Krankenhaus, zu dem am 2. Oktober 1962 der Grundstein gelegt wird.

5. Kredenbach wird Industrieort.

Das Einkaufszentrum und die beiden Industrie- und Gewerbegebiete Ferndorftal und Auwiese prägen das Tal heute. Bei der Regulierung der Ferndorf wird 1989 in drei Metern Tiefe eine Mooreiche freigelegt: 680 Jahre alt ist der Baum — er stand schon, als von Kredenbach und Lohe noch keine Rede war. Für 1964 vermerkt das Protokoll des Gemeinderats noch den Bestand von 32 deckfähigen Kühen und 18 Ziegen. 1965 wurden 2923 Obstbäume gezählt. Das Loher Tal steht seit 1990 unter Naturschutz.

Festprogramm für vier Tage

Donnerstag, 14. Mai, 14 und — bei Bedarf – 17 Uhr: Dorfrundgang mit Dr. Hartmut Müller, anschließend Kaffee und Kuchen im evangelischen Gemeindehaus.

Freitag, 15. Mai, 16.30 Uhr: Kranzniederlegung am Ehrenmal;

Samstag, 16. Mai, 13.30 Uhr: Eröffnung des Fests; 14 Uhr: Dorfolympiade auf dem Sportplatz; 19 Uhr: Festabend in der Turnhalle; 23.30 Uhr: Großer Zapfenstreich mit dem Musikverein und dem Spielmannszug Müsen;

Sonntag, 17. Mai, 9.30 Uhr: Gottesdienst in der Turnhalle, 11 Uhr: Frühschoppen mit dem Musikverein Müsen; 13 Uhr: Festausklang.