Das aktuelle Wetter Siegen 19°C
Petition

Archivgut der Kommunen könnte jederzeit verkauft werden

05.06.2014 | 16:00 Uhr
Archivgut der Kommunen könnte jederzeit verkauft werden
Akten im Siegener Kreisarchiv. Ein Gesetzentwurf sieht Möglichkeit zum Verkauf von alten Schätzen vor.Foto: Ilka Wiese

Siegen.   Archivar Thomas Wolf kämpft in Siegen wie ein Löwe, wenn es um Archivgut geht. Derzeit gegen eine Passage im neuen Archivgesetz NRW, genauer gegen § 10 Absatz 5 Satz 2 im Landesarchivgesetz. Im derzeitigen Entwurf ist nämlich der Verkauf von kommunalem Archivgut nicht ausgeschlossen. Jederzeit könnten kulturelle Schätze verkauft werden. Wolf startet eine Online-Petition.

Kommunen könnten Schätze aus ihren Archiven, Bücher, Postkarten, Fotos verkaufen – an Sammler, Autoren oder Privatleute. Für die Öffentlichkeit wären diese Zeugnisse der Zeit unwiederbringlich verloren. „Wir möchten den Leuten klar machen, dass es eine Gefahr ist“, sagt Wolf. Vor wenigen Tagen startete er eine Petition im Netz. Mehr als 800 unterzeichneten diese bereits, die meisten kommen aus NRW. Es geht um das kulturelle Erbe von Generationen, um Bürokratie, Berufsethos und – natürlich – um Bares.

Für verschuldete Städte und Gemeinden ist die Büchse der Pandora geöffnet. Denn selbst, wenn jetzt amtierende Bürgermeister und gewählte Ratsmitglieder Verkäufe von Archivgut ausschließen, in einer Demokratie wechseln Amtsträger und damit auch Sichtweisen.

Was heißt es, wenn Archivgut nicht unveräußerlich ist?

Bereits im Archivgesetz aus dem Jahr 2010 ist der Verkauf nicht explizit ausgeschlossen. Seither müssen Archivar Wolf und seine Kollegen Bürger, die ihnen Sammlungsstücke überlassen, ausdrücklich auf den Wunsch hinweisen, dass die Stücke nicht verkauft werden dürfen. „Bürokratie pur“, so Wolf. Wer einen privaten Nachlass einem kommunalen Archiv überlasse, gehe doch davon aus, dass die Stücke dann auch bewertet, verwahrt und nicht verscherbelt werden. Da nun ein neues Gesetz verabschiedet wird, wittert Wolf die Chance, auf die Gefahr hinzuweisen, die von dem prinzipiellen Verkaufsrecht ausgeht.

Privatleute, Sammler und Autoren können ins Archiv kommen und sagen: „Das gefällt mir, was möchten Sie dafür haben?“ In einer Branche, wo Geld, weil oft nicht vorhanden, immer ein Thema sei, würden so Begehrlichkeiten geschaffen. Kux-Scheine verkaufen und das Geld wieder ins Archiv investieren? „Wir sind doch keine Trödler“, sagt Wolf. „Sammlungsgut ist keine wirtschaftliche Verfügungsmasse.“

Welches Archiv gut ist betroffen?

Mehr als alte Bücher und Akten: Archivar Thomas Wolf liebt seinen Beruf und kämpft auch dafür. Foto: Ilka Wiese

Ausdrücklich nur Stücke aus privaten Nachlässen. Verwaltungsunterlagen gehören nicht dazu. Einträge aus dem Standesamt zum Beispiel. Auch Nachlässe aus Vereinen sind nicht betroffen. „Das Eigentum geht erst auf das Archiv über, wenn sich auch der Verein auflöst“, erklärt Wolf. Fotosammlungen, Nachlässe von Unternehmen, historische Bibliotheken, Plakate, Filme, Bücher, Postkarten – diese Dinge sind nicht geschützt. Auch ob es einen Bestandsschutz gebe, sei nicht geklärt.

Warum betrifft mich das überhaupt?

Auch in den Archiven im Kreis Siegen-Wittgenstein gibt es Schätze , für die sich Sammler interessieren könnten. Im Kreisarchiv lagert zum Beispiel der Nachlass des Landrats Hermann Schmidt (SPD), darunter sind viele persönliche Dinge: Mitgliedsausweise aus Vereinen oder Terminkalender aus seiner Zeit im Bundestag. Ein spannendes Zeitzeugnis, das prinzipiell verkäuflich wäre. Heimatforscher, Wissenschaftler, Menschen, die Freude an der Geschichte haben, hätten bei einem Verkauf keinen Zugriff mehr.

Wolf: „Hier wird das Kulturgut der Region verscherbelt. Historische Informationen müssen erhalten bleiben, sie sind einzigartig für eine Region und keine Wirtschaftsware.“ Jeder solle auf seine Geschichte zugreifen können. Dr. Gerd Dethlefs aus Münster kommentiert online: „Archive sind unser aller Gedächtnis und keine stille Finanzreserve!“ Ein weiterer Unterzeichner der Petition schreibt: „Weil ich meine Familie erforsche und dankbar bin für jede Auskunft, die ich von den Behörden bekomme. Die gleiche Möglichkeit wünsche ich auch für die nachkommende Generation.“

Gibt es bereits ein Beispiel für einen Verkauf?

Lokales
Weitere Unterstützer im Netz gesucht

„Kein Verkauf von kommunalem Archivgut in NRW“ – so lautet der Titel der Petition, die Archivar Thomas Wolf vor wenigen Tagen im Netz gestartet hat unter www.openpetition.de

Mehr als 800 gaben bislang ihre Stimme ab. Damit die Petition an den Landtag weitergeleitet wird, benötigt der Archivar 5000 Unterstützer.

Seit 1945 verwahrte die Hansestadt Stralsund in ihrem Stadtarchiv die Gymnasialbibliothek Stralsund. Die Bibliothek dieser Schule geht auf das Jahr 1627 zurück. Im Sommer 2012 verkaufte die Stadt den Bestand an einen Antiquar. Als der Verkauf bekannt wurde, liefen Bürger und Wissenschaftler Sturm. Sie sahen dies als einen Ausverkauf der eigenen Identität. Die Stadt stoppte den Verkauf. 5278 von 5926 Bände kaufte die Stadt vom Antiquar zurück. Auch 63 weitere Bände fanden wieder den Weg ins Archiv. 585 fehlen. Im Februar meldet dpa, dass ein wertvoller Druck mit Werken des Astronomen Johannes Kepler sowie zwei weitere Bände aus der Stralsunder Gymnasialbibliothek in einem New Yorker Auktionshaus angeboten werden – allein der Kepler-Band für 181 000 Euro. Für die Sammlung zahlte der Antiquar 2012 rund 95 000 Euro. Nachdem bekannt wurde, dass die Leiterin des Stadtarchivs bereits schon vorher ohne Genehmigung 1000 Bücher aus dem Archiv verkauft hatte, wurde sie fristlos entlassen.

Warum wird das Verkaufsrecht nicht einfach ausgeschlossen?

Wolf: „Mehrere Verbände der kommunalen Archivträger sehen dies als Eingriff in die Handlungsfreiheit des kommunalen Selbstverständnisses: ‘Wir sind für unsere Dinge selbst verantwortlich und deshalb dürfen wir sie auch verkaufen.’“

Ilka Wiese

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Siegener Wonnewelpen
Bildgalerie
Tiere
Kapriolen in der Luft
Bildgalerie
Flugtag
Magolves gegen Benjamin Blümchen
Bildgalerie
Maskottchen
article
9430285
Archivgut der Kommunen könnte jederzeit verkauft werden
Archivgut der Kommunen könnte jederzeit verkauft werden
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-siegen-kreuztal-netphen-hilchenbach-und-freudenberg/archivare-werden-per-gesetz-zu-troedlern-id9430285.html
2014-06-05 16:00
Nachrichten aus Siegen, Kreuztal, Netphen, Hilchenbach und Freudenberg