Angeklagter will für seinen Sohn clean werden

Ein 34-Jährige muss sich vor dem Siegener Gericht verantworten.
Ein 34-Jährige muss sich vor dem Siegener Gericht verantworten.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Mehr als 30 Taten werden einem Mann mit einem massiven Suchtproblem vorgeworfen. Unter anderem soll er mehrfach in einer Tankstelle gestohlen haben – Bier, Wodka und Plunderteilchen.

Siegen.. Auf den ersten Blick erfüllt der Angeklagte viele Klischees: russisch klingender Name, entsprechender Akzent trotz Jahren in Deutschland und mehr als ein Dutzend Vorstrafen seit dem 16. Lebensjahr. Drogen, Diebstähle, aber auch Körperverletzung und Vergewaltigung. Der 34-Jährige wirkt abgebrüht, leicht genervt. Doch dann spricht er von seiner neuen Beziehung, vom vier Monate alten Sohn, den er im Gefängnis erstmals im Arm halten durfte. „Ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt er. Seither habe er nicht mal mehr Methadon genommen: „Ich bin clean!“

Es ist ein wichtiger Moment in diesem Verfahren vor dem Siegener Schöffengericht. Einer, der in krassem Gegensatz zu dem halben Meter Anklageakten steht, die vor Amtsrichter Uwe Stark auf dem Tisch liegen. Mehr als 30 Taten werden Nikolaj H. vorgeworfen, überwiegend kleine Diebstähle, aber auch ein paar andere Sachen.

Wodka und Plunderteilchen gestohlen

Immer wieder ist der 34-Jährige, den Staatsanwalt Stephan Krieger und Verteidiger Uli Schmidt übereinstimmend als „schwer suchtkrank“, bezeichnen, zum Beispiel in dieselbe Tankstelle marschiert, hat dort Bier und Whisky-Cola sowie Magnum-Eis geklaut. Auch sonst geht es bei den Taten um Wodka und Scotch, um Tabak und einmal auch um „Brötchen und ein Plunderteilchen“.

Er sei im Methadon-Programm gewesen, „aber es berauscht eben nicht so richtig“, erklärt der Angeklagte, warum er noch andere Suchtmittel gebraucht hat in den Jahren 2013 und 2014: „Ich bin polytox.“ Nach seiner letzten Entlassung aus dem Gefängnis 2010 sei er nach Kleve gezogen. Aber weil die Beziehung zu seiner Freundin in die Brüche ging. zog er wieder nach Siegen. Altes Umfeld, altes Spiel.

Mehrfach stahl er Fahrräder, einmal aus einem Geschäft in der Nähe des Gerichts. Um das 2200 Euro teure Mountain-Bike zu bekommen, trennte er das Sicherungskabel mit einem Seitenschneider durch. Der Inhaber habe ihn geschubst, „ich habe mir die Schulter gebrochen“, beklagt sich H., was beim Richter nicht so gut ankommt.

Nach einem kurzen Gespräch mit seinem Anwalt gibt er alle Taten zu. Auch die Trunkenheitsfahrten mit Rad und eine Unfallflucht, die Staatsanwalt Krieger ihm noch vorhält. Zum Schluss bleiben sechs Vorfälle, alle anderen stellt das Gericht ein. Krieger beantragt eine Strafe von einem Jahr und zwei Monaten.

Nikolaj H. sitzt wegen einer anderen Sache bis Weihnachten in Haft. Eigentlich sollte er da auch die Möglichkeit einer Therapie bekommen. Das sei aber von der Staatsanwaltschaft in Kleve abgelehnt worden. Unverständliches Verhalten, meint Verteidiger Schmidt, der diesmal ein Jahr für ausreichend hält. Sein Mandant könne schon Anfang März in eine Therapie gehen, fügt er an. H. habe durch das Kind „angefangen, zu denken. Vielleicht das erste Mal in seinem Leben!“ Das Gericht verhängt ein Jahr und zwei Monate. Richter Uwe Stark hofft, dass es mit der Maßnahme in knapp vier Wochen trotzdem etwas werden kann. „Wenn ich schon nie für mich gelebt habe, will ich jetzt für meinen Sohn leben“, verspricht Nikolaj H. und nimmt das Urteil an.