725 Jahre – Herzhausen erzählt seine Geschichten

Die Kreuz-Kapelle ist die erste Musikkapelle im Siegerland:  Johannes Kreuz, Aloys Kreuz (8 Jahre), Leo Kreuz, Hermann Kreuz, Adam Kreuz und Clemens Kreuz (von links).
Die Kreuz-Kapelle ist die erste Musikkapelle im Siegerland: Johannes Kreuz, Aloys Kreuz (8 Jahre), Leo Kreuz, Hermann Kreuz, Adam Kreuz und Clemens Kreuz (von links).
Foto: Archiv Bürgerverein Herzhausen
Was wir bereits wissen
Herzhausen feiert sein Jubiläum am20. und 21. Juni. Dann wird die Chronik verkauft, die vier Heimatfreunde geschrieben haben, und die in 400 Exemplaren gedruckt wird.

Herzhausen..  Junge Männer in Frack und Melone sitzen am Tisch im Garten und blasen in ihre Trompeten und Posaunen. Man muss ein bisschen blättern, um zu der Geschichte des fast schon unwirklich anmutenden Fotos vorzudringen: Die Kreuz-Kapelle, das war die erste Musikkapelle im Siegerland. Fabrikarbeiter aus Herzhausen, alle mit Namen Kreuz, die sich bei Schützenfesten und Tanzvergnügen etwas dazuverdienen. Der kleine Aloys übrigens, auf dem Foto gerade acht Jahre jung, wird einmal Kirchenmusikdirektor in Köln, sein Sohn Leo Musikprofessor in Mexiko.

Beginn mit Keppelschen Höfen

Das Foto von 1890 ist das älteste, das Hubert und Stephan Kreuz, Hans Rickes und Willi Sledz in die Herzhausener Jubiläumschronik aufgenommen haben. Innerhalb eines Jahres haben sie Archive durchstöbert, die Fotosammlungen der Herzhausener gesichtet – und vor allem mit den Leuten geredet. „Geschichte und Geschichten unseres Dorfes“ heißt der Untertitel des über 300 Seiten starken Werks. Wobei die Geschichte die Pflicht, die Geschichten und Anekdoten sicher die Kür sind. „Viel Gescheites gab es nicht“, erinnert Hubert Kreuz an die dürre Ausgangslage, „eigentlich nichts anderes als die Urkunde“. Die aus dem Jahr 1290 eben, in der Konrad von Hain seinen Besitz in Herrozhusen an das Kloster Keppel überträgt, und die der Anlass für die bevorstehende 725-Jahrfeier ist (Mehr zum Fest: www.herzhausen-feiert.de ) Herzhausen und Keppel: Die Verbindung ist eng – auch Hof Buchen und Hof Maustal zählen zu den ehemaligen Keppelschen Höfen.

Wer das Werk des gemischten Quartetts — zwei Einheimische, natürlich die Kreuzens, zwei Zugereiste, Rickes vor 30 Jahren aus Klafeld, Sledz vor 20 Jahren aus Ramsbeck – von der ersten bis zur letzten Seite studiert, erfährt alles über die Dorfpolitik, über Straßenbau und die Mülldeponien, über Backhäuser und die Mühle, Flachsernte und Bergbau, Schulen und Kirche. Flurkarten sind dabei und Verzeichnisse der Hausnamen.

Platze, Stöge und andere Bräuche

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass der Leser irgendwo hängenbleibt. Beim „Platze ohr Deckeln“ zum Beispiel: Mit Peitschen und (Topf-)Deckeln schlagen die Burschen Lärm, wenn sie einen der ihren erstmals mit einem Mädchen erwischen, der Vorläufer des Polterabends. Gegen Bier und Schnaps bei Lengelings, der legendären Dorfkneipe, konnte sich der Bräutigam den „Jagdschein“ kaufen. Ein archaischer Brauch, sicherlich. „Aber das junge Paar durfte sich von da an öffentlich zeigen“, gibt Hubert Kreuz zu bedenken, „das war auch ein Vorteil.“ Peinlich werden kann das „Stöge“, das Stützen des Aushangkastens, wenn dort ein Aufgebot öffentlich gemacht wird — auch hier sind es wieder die Burschen, die Persönliches und Persönlichstes aus dem Haus der Braut auf die Straße zerren.

Hängen bleiben kann man bei der Lektüre auch bei den Namen aus dem Dorf: Bei den Deckers und der Tante Berta (Kreuz) und ihren Kolonialwarenhandlungen, bei den drei Gaststätten und ihren Wirten, bei Peter Tremmel, dem Dorfarzt der Herzhausener, bei Matthias Kringe, dem Cartoonisten und Schöpfer der Dilldappen. Und bei Peter Decker, der nicht nur einen Bagger hat, sondern auch eine Cessna: „Wir sind bei sehr gutem Wetter zwei Mal über Herzhausen geflogen.“ Willi Sledz war mit der Kamera dabei und hat fotografiert.

Nicht sportlich, dafür musikalisch

Sonderlich sportlich ist Herzhausen nicht, die „Sportfreunde“ sind in der Versenkung verschwunden. Dafür aber musikalisch. Vier Jahre, von 1933 bis 1937, sind die Mädchen aus dem Dorf als Mandolinenorchester unterwegs. „Stemmclub“ nennen sie sich auch, weil die Saiteninstrumente halt dauernd gestimmt werden müssen. Und dann schließt sich der Kreis: Bis zu zehn Musiker stark ist die Kreuz-Combo, die sich 1977 zusammenfindet, fast 100 Jahre nach der 1880 gegründeten Kreuz-Kapelle. Mit 14, 15 und 16 Jahren treten sie in die Fußstapfen der Urväter. Gut gelaunt wie sie, aber ohne Frack und Melone.

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