Vor 70 Jahren entstand das Kriegsgefangenenlager in Rheinberg

Auf dem neuen Friedhofsteil erinnert ein Fries um das neue Friedhofkreuz, das eingemeißelt Stacheldraht zeigt, an das Lager. Das Kreuz wurde ökumenisch von beiden Kirchengemeinden finanziert.
Auf dem neuen Friedhofsteil erinnert ein Fries um das neue Friedhofkreuz, das eingemeißelt Stacheldraht zeigt, an das Lager. Das Kreuz wurde ökumenisch von beiden Kirchengemeinden finanziert.
Foto: Peter Bußmann
Was wir bereits wissen
Im Kriegsgefangenenlager am Annaberg in Rheinberg herrschten barbarische Zustände, kamen unter unmenschlichen Bedingungen viele Menschen zu Tode.

Rheinberg.. Manche Dinge sollten nie in Vergessenheit geraten. So wie das Kriegsgefangenenlager am Annaberg. In Rheinberg erinnern einige Gedenkstätten, vielen unbekannt oder vergessen, an das Kriegsgefangenenlager in Rheinberg im Jahre 1945. Vor genau 70 Jahren wurde es auf dem Feld westlich des Bahnhofs eingerichtet, wurde zum Todesacker unzähliger deutscher Soldaten.

Das Gefangenenlager war eines von mehreren so genannten Rheinwiesenlagern. Errichtet wurde es im April 1945 von den amerikanischen Alliierten für die Millionen Kriegsgefangenen. Auf der Wiese und in Feldern am Annaberg richteten die Amerikaner einen Standort ein, an dem die deutschen Soldaten zusammengepfercht und unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht waren.

Barbarische Zustände

„Es herrschten barbarische Zustände. Es gab viele Tote und kaum etwas zu essen“, erzählt Stadtarchivarin Sabine Sweetsir, die die Schicksale der Gefangenen aus Aufzeichnungen kennt und die einst mit Schülerinnen ehemalige Kriegsgefangene interviewte. Erschütternde Berichte kamen zusammen.

Ein vor Witterung geschütztes Lager mit Baracken oder Zelten war es nicht. Die Gefangenen gruben mit Blechdosen oder reiner Händearbeit Löcher in den Boden, um einen geschützten Schlafplatz zu haben. Ehemalige Gefangene berichten, dass zum Teil bis zu 100 Tote täglich aus dem Lager getragen wurden, weil sie den Strapazen nicht mehr stand halten konnten. Wer es war und wo sie beigesetzt sind, blieb im Dunkel. Zwischen 90 000 und 140000 deutsche Kriegsgefangene waren in dem Lager untergebracht. Im August 1945 wurde der Standort zwar wieder aufgegeben, doch viele Hundert fanden in diesem knappen halben Jahr den Tod, bis zu 3000 werden genannt. Wer wann, wurde nie festgehalten. Zu den Häftlingen im Rheinberger Lager gehörte unter anderem der spätere NRW-Innenminister Herbert Schnoor.

Gedenkstein am Annaberger Friedhof

An das Kriegsgefangenenlager erinnert nicht nur ein Fenster in der St. Peter Kirche, sondern auch ein Gedenkstein am Annaberger Friedhof. Vor etlichen Jahren hatte Edeltraud Hackstein, die Sprecherin des Stadtmarketings und Vorsitzende des Heimatvereins, die Idee, im Kreisverkehr an der Römerstraße ein Mahnmal für das Kriegsgefangenenlager zu errichten. Der Plan stieß jedoch auf Widerstand. Pfarrer Jens Schmidt bot ein Grundstück an der Anna-Kirche an. Aus Kostengründen wurde der Entwurf verworfen.

Überliefert ist, dass die Amerikaner von der Elbe erste gefangene Soldaten am 10. April 1945 nach Rheinberg karrten. Die mussten die Vorarbeiten für das gigantische Lager unter freiem Himmel schaffen, 450 Hektar groß. Am 14. April erreichten die nächsten deutschen Soldaten Rheinberg. Später mussten sie mit den Amerikanern über zehn Kilometer Stacheldraht, doppelreihig und 2,50 Meter hoch ziehen. Ernährung und hygienische Verhältnisse im Lager waren katastrophal, die Gefangenen lebten in offenen Erdlöchern. Versuche des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) den Gefangenen zu helfen, wurden abgewehrt, dem IKRK wurde der Zutritt zu den Lagern verwehrt.

Rheinberger halfen den Gefangenen

Die Amerikaner weigerten sich, die bis zu 140 000 Soldaten als Kriegsgefangene anzuerkennen. Sie hätten sie dann wie eigene Soldaten unterbringen und verpflegen müssen. Stattdessen nannten sie sie Disarmed Enemy Forces, entwaffnete Feindkräfte, die rechtlos waren. Ein weiteres Lager entstand in Büderich, das am 14. Juni 1945 aufgelöst wurde. Dessen Gefangene wurden in einem „Hungermarsch“ genannten Zug nach Rheinberg getrieben. Hier besserten sich die unmenschlichen Behandlungen erst, als das Lager am 20. Juni von den Briten übernommen wurde. Einige Bürger warfen Butterbrote über die Zäune, wenn die Bewacher wegsahen. Die Rheinberger retteten so einige Menschenleben.