Rheinbergerin ist verliebt in ein Land der Gegensätze

La Paz liegt auf mehr als 4000 Metern Höhe. Noch ein Stück weiter oben schließt sich El Alto an. In den Städten zusammen leben rund zwei Millionen Menschen.
La Paz liegt auf mehr als 4000 Metern Höhe. Noch ein Stück weiter oben schließt sich El Alto an. In den Städten zusammen leben rund zwei Millionen Menschen.
Foto: CWWN
Was wir bereits wissen
Caritas-Botschafterin Andrea Emde verbrachte zehn Tage in Bolivien. Und bekam dort hautnah mit, wie das Land mit den Schwächsten umgeht. Und wie eine Hilfsorganisation trotz vieler Widerstände Hilfe leistet

Rheinberg..  Die Reise in Boliviens Hauptstadt La Paz dauert mit allerlei Wartezeit und Umstiegen mit dem Flugzeug rund 30 Stunden. Am Flughafen angekommen erwischte Andrea Emde das, worauf man sich in Moers (30 Höhenmeter) kaum vorbereiten kann – die sogenannte Höhenkrankheit. „Die dünne Luft auf 4000 Metern sorgt für Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen, zum Glück gibt es schnell wirkende Medikamente dagegen“, sagt die Sprecherin der auch in Rheinhausen ansässigen Caritas Wohn- und Werkstätten Niederrhein. Was die 13 Caritas-Mitarbeiter aus ganz Deutschland bei ihrer Reise in Südamerika erlebten, sorgte allerdings auch nicht immer für Wohlgefühl.

„In Deutschland hat jeder Mensch mit Behinderung ein Anrecht auf einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt. In Bolivien haben Behinderte im Prinzip keine Rechte, nur ein Prozent gehen einer Arbeit nach“, sagt die 46-Jährige zur Einordnung. Wie viele Behinderte in dem Land mit rund zehn Millionen Einwohnern leben, sei nicht herauszufinden. „Behinderungen gelten als Stigma, viele verstecken kranke Familienmitglieder.“

So sei die Betreuung in der Großstadt La Paz, etwa durch die Caritas, leichter zu leisten als auf dem Land, dort herrschten oft katastrophale Lebensumstände. In La Paz besuchte die Gruppe um Andrea Emde die Initiative Jach’a Uru. „Hier werden Eltern zu Betreuern von Menschen mit Behinderung ausgebildet, sie helfen sich quasi selbst.“

Das dicht gedrängte Programm führte die Caritas-Botschafter auch in Gefilde mit etwas dickerer Luft und subtropischem Klima. „Innerhalb von zwei Stunden erreicht man mit dem Auto die Kleinstadt Coroico. Die liegt auf 2000 Metern Höhe, auf der Fahrt ändert sich die Vegetation nahezu minütlich.“ Dort angekommen sahen sie sich ein Projekt für Senioren an. „Der Stellenwert der Älteren ist nicht sehr hoch, hier gibt man ihnen Aufgaben. Unter anderem züchten Senioren Meerschweinchen. Diese werden dort allerdings nicht als Haustiere gehalten, sondern gegessen.“

In Coroico trafen die Caritas-Botschafter auch Ronaldo (18) . Der auf eine Gehhilfe angewiesene junge Mann läuft jeden Tag eine Stunde lang zur Schule, „Schule macht mich glücklich“, sagt er. Schulen für Menschen mit Behinderung seien in Bolivien anders organisiert als in Deutschland. Wobei es das Wort „organisiert“ nicht so wirklich trifft. Es gibt kaum ausgebildeten Lehrer, die Kinder würden mehr beschäftigt als gefördert und geeignetes Unterrichtsmaterial gebe es auch nicht. „Durch unseren Besuch haben wir erreicht, dass jetzt regelmäßig Schulmaterial aus La Paz nach Coroico geschickt wird.“ So könne man in diesem von Korruption und Misswirtschaft geprägten Land zwar nur Kleinigkeiten, doch aber sehr wichtige Dinge bewegen.

Zu stolz, Hilfe anzunehmen?

Hier und da ist dann aber auch Caritas International nahezu machtlos. „In einem Verschlag lebte eine Familie mit einem gehbehinderten Jungen. Es gab keinen Strom, es regnete durch die Decke und eine Toilette gab es auch nicht. Die Familie hat es nicht geschafft, ihrem Kind jeden Tag den Gesundheitsschuh anzuziehen, damit sich der Junge besser bewegen kann. Sie lebten sehr in ihrer eigenen Welt und waren für manche Hilfe offenbar zu stolz.“ Die Lösung des Problems: „Die Caritas-Mitarbeiter vor Ort sind sehr hartnäckig, gehen immer wieder auf die Familie zu.“

Bei all den Unterschieden in der Versorgung der Menschen im Allgemeinen und der von Menschen mit Behinderung im Speziellen hat Andrea Emde eines festgestellt, es gebe ein ganz bestimmetes Caritas-Gefühl von Menschlichkeit und Zugewandtheit, Herz und Empathie. „Dieses Gefühl ist überall auf der Welt gleich.“ Und die 30-stündige Anreise will sie schon bald gerne wieder auf sich nehmen. „Ich habe mich in Land und Leute verliebt. Wenn ich wiederkomme, möchte ich eine Tour über die großen Salzseen machen.“

CARITAS IN BOLIVIEN
50 Prozent der
bolivianischen Bevölkerung lebt in Armut, ohne Einkommen, ohne Rente und oftmals ohne ein Dach über dem Kopf. Regierungssitz ist die Stadt La Paz, mit rund einer Million Einwohnern. Zusammen mit der stetig wachsenden Nachbarstadt El Alto sind es fast zwei Millionen Menschen, die hier leben. „Landflucht ist in Bolivien großes Thema. El Alto erreichen täglich 80 Neubürger“, sagt Andrea Emde.
Die Caritas Bolivien
wurde 1958 gegründet. Heute arbeitet sie in den Bereichen nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft und Produktion, Aufklärung und Verteidigung über die Menschenrechte, Stärkung der Demokratie, Katastrophen-Risikomanagement sowie humanitäre Hilfe im Rahmen sozialer Konflikte. Finanziert wird die Arbeit unter anderem von Caritas Spanien und Caritas Deutschland.