Pflege für den alten Obstbaumgarten in Orsoy

Fleißige Hände fand Wilfried Ingensiep von der Nabu-Ortsgruppe Orsoy beim Obstbaumschnitt.
Fleißige Hände fand Wilfried Ingensiep von der Nabu-Ortsgruppe Orsoy beim Obstbaumschnitt.
Foto: Peter Bußmann
Was wir bereits wissen
In Orsoy nahmen sich Mitglieder des örtlichen Naturschutzbunds der Wiese zwischen dem Kuhteich und dem Friedhof an.

Rheinberg-Orsoy..  Einst umringten sie die alte Festungsstadt Orsoy: alte Obstgärten, typisch für die Ränder der kleinen niederrheinischen Städtchen. In vielen Orten haben sie nicht überlebt. Doch in Orsoy hat ein glückliches Schicksal sie vor der vernichtenden Motorsäge bewahrt. Die hörte man Samstagmittag bis hinein ins Städtchen gleich im Mehrfachpack jaulen, doch nicht, um die teils uralten Obstbäume umzusägen. Es war eine Pflegemaßnahme wie alle zwei Jahre, damit die wertvollen Bäume auch die nächsten Jahrzehnte überleben. Die Pfleger: die Retter, die schon 1992 die großartige Idee hatten, die alte Obstwiese zwischen dem Kuhteich und dem Friedhof zu erhalten.

Schon vor über 20 Jahren den Wert der Landschaftspflege erkannt

Es waren Orsoyer Naturschützer, die damals die alte Streuobstwiese von einem Landwirt übernahmen. „Auch da hatte man schon den Wert der Landschaftspflege erkannt“, so Wilfried Ingensiep, der gemeinsam mit Sylvia Oelinger die NABU-Ortsgruppe Rheinberg im Team leitet. „Hier stehen einige Obstbäume, die über 100 Jahre alt sind“, die längst anderswo einer intensiveren Landwirtschaft zum Opfer gefallen wären. Nicht so in Orsoy: Die NRW-Stiftung kaufte das ökologisch so wertvolle Gelände vor der alten Tabakfabrik 1997, übergab es der Nabu-Kreisgruppe Wesel. Die kümmert sich seither fachlich um die 2,8 Hektar große Wiese, auf der neben Obstbäumen auch einige Esskastanien stehen. Die im Herbst begehrt sind.

„Zwei bis dreimal im Jahr pflegen wir die Hecken und Bäume, erhalten sie“, so Ingensiep. „Das große Gelände ist wertvoller Lebensraum für viele Höhlenbrüter, für seltene Insekten, Kröten und Lurche“, ergänzt Oelinger. Die Naturschützerin hatte sich Samstagmittag in einen dicken Bundeswehroverall gezwängt, der Schutz vor dem scharfen Wind bot. Statt mit Säge, Harke oder Schaufel kümmerte sie sich um den großen Gasbrenner, auf dem ein riesiger Topf weithin riechen ließ, dass es zum Mittag eine deftige Bohnensuppe gibt.

Über die waren die zahlreichen Aktiven dankbar. Sie stärkte, wärmte. Nicht nur aus Orsoy und Rheinberg waren sie gekommen. Aus Wesel reisten zehn junge Leute der Naturschutzjugend an, hatten gleich das Passende mitgebracht: lange Astsägen, sogar mit Motorantrieb, lautstarke Motorsägen, hohe Leitern, mit denen man in die Obstbäume stieg und die unvermeidlichen kleinen und großen Astscheren. „Alle zwei Jahre muss die Hecke von Kuhteich bis Friedhof zurück geschnitten werden“, erläutert Oelinger. Und Obstbäume verlangen einen fachgerechten Rückschnitt, sollen sie weiterhin wertvolles Obst liefern. „Wir bemühen uns sogar, die alten Obstbaumsorten wieder zu vermarkten.“ Im Herbst gehen die unterschiedlichsten Apfelsorten in die Obstkelterei. Die Nabu-Leute bekommen dafür leckeren gepressten Apfelsaft zurück.

„Auch die Wiese muss gepflegt werden“, erklärt Ingensiep, der zweite im Leitungsteam. Denn die Streuobstwiese ist Lebensraum für alleine vier Grasmückenarten und für den Steinkauz. Einige Niströhren zeigen deren Behausungen an, „Die Wiese wird nicht gedüngt, sondern extensiv genutzt. Ein Schäfer weidet sie immer wieder ab. „Das Gras muss kurz gehalten werden, sonst zieht der Steinkauz ab. Der braucht Insekten und Würmer.“ In der heutigen Agrarlandschaft hat er keinen Platz mehr. Eigentlich ist er der Charaktervogel des Niederrheins, so nennt ihn der Naturschützer.

Auch neue Bäume werden gepflanzt

„Neben den alten Bäumen pflanzen wir auch neue“, so Ingensiep. Keine modernen Züchtungen, sondern alte Sorten, die sonst vergessen werden wie Sternrenette, Klarapfel, die Pastoren-Birne, Roter Boskop, Hauszwetschge und Anna Spät, eine alte Pflaumensorte. Lächelnd erzählt Ingensiep vom Speierling. „Der kommt eigentlich aus dem Süden, hat ganz kleine Früchte, die sind so säuerlich, dass man sie wieder ausspuckt – daher der Name. Vielleicht sind unsere Speierlinge die nördlichsten in Deutschland.“

Seit 2009 belebt am Friedhof ein alter wassergefüllter Kolk wieder die Wiese. Einen alten Wassergraben von der Binsheimer Straße bis hier hatte die Lineg wieder belebt. Jetzt sind auch wieder Molche und Lurche heimisch, wertvolle Laichplätze sind gesichert. Und der Grundwasserspiegel, auch für den Kuhteich, ist wieder gehoben. Samstag kam jede Menge Baumschnitt auf große Haufen. „Das verbrennen wir nicht“, so Ingensiep. „Da entstehen wieder neue Lebensräume.“ Die so gerettete Streuobstwiese dient auch der Fortbildung: Naturkundliche Führungen, vor allem aber Lehrgänge über richtigen Obstbaumschnitt können hier abgehalten werden. Und die riesigen Misteln in den Baumkronen, Halbschmarotzer, die denen das Überleben erschweren, schneiden die Nabu-Leute alle zwei Jahre heraus, geben sie dann gegen eine Spende weiter.