Momente, die nachdenklich machen

Der Initiativkreis präsentiert die DVD.
Der Initiativkreis präsentiert die DVD.
Foto: Bussmann
Was wir bereits wissen
Der Rheinberger Initiativkreis Stolpersteine hat eine DVD zum Abschluss der Aktion zusammengestellt. Darauf finden sich Videointerviews mit Zeitzeugen

Rheinberg..  Auch in Rheinberg sollen Stolpersteine an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnern. Sie liegen vor Häusern in Rheinberg und Orsoy, in denen während der Nazi-Herrschaft Juden lebten, die die braunen Verbrecher aus ihren Häusern vertrieben und am Ende ermordeten. Am Donnerstagabend fand die bürgerschaftliche Aktion ein positives Ende. Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig sind längst verlegt, es fanden Feierstunden bei der Verlegung statt, inzwischen gibt es ökumenische Andachten am Abend der Reichskristallnacht mit Kerzenmarsch zur früheren Synagoge.

2008 gegründet

Die begleitende DVD samt Heftchen ist fertig, die der eigens vor Jahren gegründete Initiativkreis als krönenden Abschluss zusammengestellt hat. Im Dezember 2008 hatte sich der Initiativkreis im Pfarrheim St. Peter unter großer Beteiligung von Parteien, Kirchen und Bürgern gegründet. Auf der DVD finden sich Interviews von Zeitzeugen, die das Naziherrschaft miterlebten und die Freunde der Ermordeten wie der Familie des Rheinberger Kaufmanns Silberberg und Rothschild waren, wieder. Es wurde Zeit, sie zu interviewen. Zu lange ist es her seit den Ereignissen der Reichskristallnacht 1938. Einige Zeitzeugen konnten nicht mehr interviewt werden, weil sie inzwischen verstarben.

Vor Häusern der Ermordeten ins Pflaster eingelassene Messingsteine mit Namen, Geburts- und Todesdatum der jüdischen Opfer halten heute die Erinnerung wach. Die Idee, sich der Aktion des Kölner Aktionskünstlers Demnig anzuschließen, hatten zwei Vierbaumer, Ernst Barten und Ehefrau Luise, und der Heimatverein unabhängig voneinander. Sie spürten Widerstände, die überwunden werden mussten. Verwaltung und Parteien der Stadt, mit Ausnahme der Grünen, mussten überzeugt werden. Die Bereitschaft, in Rheinberg zum Gedenken der Ermordeten Steine in die Gehwege einzulassen, war zunächst nicht groß. Doch als zur Gründung eines Initiativkreises geladen wurde, waren alle im Boot. Viele machten mit, Schirmherr wurde Rheinbergs Bürgermeister Hans-Theo Mennicken. Die evangelische Pfarrerin Ulrike Thölke und der katholische Pastoralreferent Georg Welp übernahmen als Religionslehrer an Rheinberger Schulen die Aufarbeitung mit jungen Menschen.

Für Verwirrung hatte damals die Vorsitzende des Zentralrats der Juden Charlotte Knobloch gesorgt, die meinte, dass das Ansehen der jüdischen Mordopfer buchstäblich mit Füßen getreten würde. Der Zentralrat der Juden Deutschlands widersprach der Vorsitzenden, begrüßte wie auch die Duisburg-Mülheimer jüdische Gemeinde das Rheinberger Vorhaben. Das Eis war gebrochen. Es fanden sich 43 Paten für die Steine, die deren Finanzierung, manche gleich für mehrere, übernahmen. Ihre Namen sind in dem die DVD begleitenden Büchlein genannt.

Ernst Barten begrüßte am Donnerstagabend etliche Rheinberger zur Erstaufführung der DVD, die berührende Momente zeigt, die nachdenklich machten. Paul Feltes, einer der im Film interviewten Zeitzeugen, überraschte mit einem dicken Hefter, in dem die Fotos oder Totenzettel vieler im Krieg oder im Naziunrecht umgekommenen Rheinberger standen. Klaus Möller vom Initiativkreis hatte es vor Jahren übernommen, Zeitzeugen vor der Kamera zu interviewen und die Verlegung von zehn Stolpersteinen in Rheinberg und weiterer acht in Orsoy filmisch zu dokumentieren. Der Orsoyer Andreas Ocklenburg hatte mit Frank Bergmann aus sechs Stunden filmischen Materials die geschichtliche Aufbereitung in einer DVD übernommen. Immer wieder wechselten sich in Ton und Bild Momente der Verlegung der Steine mit Worten der Zeitzeugen, die die jüdischen Mitbürger kannten, ab.

Durch ehrenamtliches Engagement entstand mit der DVD ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, das für Stadtarchiv, Schulen und für interessierte Bürger zur Verfügung steht. Immer wieder heißt es in den Aufnahmen „Hier wohnte ….., ermordet in Auschwitz“ Der berührendste Moment ist aus Orsoy dokumentiert. Dort waren die Friedemanns, eine Kaufmannsfamilie, von Nazis deportiert und ermordet worden. Die Tochter von Herta Friedmann überlebte. Ruth Fluss, heute in Haifa in Israel lebend, war mit ihrem Ehemann spontan nach Orsoy gekommen, als sie hörte, dass für ihre Familie das Andenken durch Stolpersteine wach gehalten wird. Nachdenklich waren auch die Interviews des heute 89-jährigen Paul Feltes, des Rheinbergers Josef Specker (geboren 1927) und des Orsoyers Willi Pau (geboren 1924). Die DVD kann auch käuflich erworben werden.