Millionen sparen durch weniger Notdienste

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Rheinberg..  Die Vertreterversammlung der kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KV) trifft heute einen Tag vor dem Altweiber-Donnerstag eine brisante, weil für Patienten folgenreiche Entscheidung. Das Thema findet der Sozialverband VdK im Kreis Wesel mit Sitz in Rheinberg gar nicht lustig. Er schlägt Alarm. Es geht um die Umsetzung der Pläne für einen Modellversuch, die Zahl der Notdienstpraxen in der Region zu halbieren.

Hintergrund sind wirtschaftliche Überlegungen. Die KV will mit der Neuregelung des Notdienstes Millionen sparen. „Das darf aber nicht zulasten der Patienten gehen“, forderte gestern der Vorsitzende des VdK-Verbandes Niederrhein, Horst Vöge. Auch VdK-Geschäftsführer Robert Walter fürchtet massive Verschlechterungen in der medizinischen Versorgung des ländlichen Raums.

Notdienstpraxen sind Anlaufstellen für Patienten außerhalb der regulären Sprechstundenzeiten – also vornehmlich nach Feierabend, nachts und an Wochenenden. Sie ergänzen den Rettungsdienst (Notruf 112) und die Notfallambulanzen der Krankenhäuser.

Im Verbandsgebiet des VdK Niederrhein, so Vöge, gebe es derzeit 130 Notdienstbezirke mit 78 Notfallpraxen. Nach seinen Informationen sollen nur sieben oder acht Bezirke übrig bleiben, die Zahl der Notfallpraxen um mehr als die Hälfte sinken, bei einer gleichzeitig älter werdenden Gesellschaft. Nach VdK-Informationen sollen bei der neuen Notdienst-Versorgung für den unteren Niederrhein der Kreis Wesel mit den Städten Oberhausen und Duisburg und der Kreis Kleve mit Viersen, Krefeld und Mönchengladbach zusammengefasst werden. Außerdem, so Vöge, sei die Trennung von „Sitz- und Fahrdienst“ im Gespräch. Das bedeute, dass der Arzt, der zum Notfallpatienten rausfährt, ein anderer sei als der, zu dem Patienten in die Praxis kommen.

Vöge geht davon aus, dass der Notdienst der rationellen Art in Duisburg für Patienten relativ schmerzfrei organisiert werden kann. Aber am ländlich geprägten Niederrhein würden im stark ausgedünnten Notfallpraxen-Netz die Wege vermutlich sehr weit – möglicherweise zu weit für behinderte oder arme Menschen ohne eigenes Auto oder ältere Leute, die sich nicht mehr im Dunkeln ans Steuer setzen.

„Die Bevölkerung auf dem Land darf auf dem Altar der Wirtschaftlichkeit nicht zum Patienten zweiter Ordnung werden“, sagte der Sozialpolitiker aus Dinslaken. Dass die geplante Neuerung das Land für junge Ärzte möglicherweise etwas attraktiver mache, ist für den VdK-Funktionär zunächst nur ein schwacher Trost. Vöge sagte, dass auch der öffentliche Personennahverkehr auf dem Land unter Kostendruck eher schlechter als besser werde. Da könne die Distanz für einen Kranken in Sonsbeck zum Arzt in Oberhausen-Holten und umgekehrt nahezu unüberbrückbar sein.

Außerdem hätte die Konzentration zur Folge, dass die übrig bleibenden Notdienstpraxen und die heute oft schon überlasteten Ambulanzen in Krankenhäusern heillos überfüllt seien. Vdk-Geschäftsführer Walter kritisiert, dass die KV ihre Pläne nicht in den Gesundheitskonferenzen auf Kreisebene vorgestellt und diskutiert habe, wo sie doch mit am Tisch sitze. Dadurch seien die Vertreter der Betroffenen vom Informationsfluss abgeschnitten und eine für alle Seiten akzeptable Lösung kaum zu erreichen. Vöge hofft, dass sich in der Vertreterversammlung noch etwas tut und die befürchteten Härten abgewendet werden können. Die Pläne seien in dem Gremium vor gut zwei Jahren mit 25:17 Stimmen auf den Weg gebracht worden. Noch sei Bewegung vorstellbar.