Menschenkette vor Amazon in Rheinberg

Am Mittwochstreikten rund 500 Amazon-Mitarbeiter in Rheinberg und bildeten eine mehr als 100 Meter lange Menschenkette.
Am Mittwochstreikten rund 500 Amazon-Mitarbeiter in Rheinberg und bildeten eine mehr als 100 Meter lange Menschenkette.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Vor dem Amazon-Logistikzentrum in Rheinberg streikten gestern wieder rund 500 Mitarbeiter. Der Konzern rührt sich noch nicht.

Rheinberg..  Regen, Schnee und Hagel hielten am Mittwoch die knapp 500 streikenden Beschäftigten des Amazon Logistikzentrums in Rheinberg nicht davon ab, mit einer Menschenkette den Unmut über die Arbeitssituation in ihrem Konzern zu äußern. „Urlaubsmäßig und geldmäßig muss sich etwas tun“, fordert eine 52-jährige Mitarbeiterin aus Wesel, die schon seit vier Jahren für den Onlineversandhändler arbeitet. Sie ist dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt, die bereits ihren dritten Streiktag in diesem Jahr organisiert hatte. 2014 bestreikte die Gewerkschaft den Konzern 18 Tage lang. Gebracht hat es bis jetzt nicht viel.

„Amazon verschließt sich jeglichen Gesprächen“, bringt Tim Schmidt, Vorsitzender des Betriebsrates, die aktuelle Lage auf den Punkt. Aber die Gewerkschaft habe einen langen Atem. „Ikea hat es damals auch versucht. Verdi hat sieben Jahre gebraucht, aber jetzt gibt es einen Tarifvertrag.“ Das ist es, was er sich für alle Amazon-Beschäftigten auch wünscht. Dabei geht es nicht nur um mehr Urlaubstage, um Weihnachts- und Urlaubsgeld, sondern auch um Sicherheit.

Extremer Leistungsdruck

„Die lassen viele Leute gehen, bevor sie fest eingestellt werden“, beschwert sich die Amazon-Angestellte aus Wesel. „Ich ärgere mich, dass viele gute Mitarbeiter entlassen werden.“ Einer von ihnen ist der 54-jährige Lucky aus Rees. Auch er musste nach fast zwei Jahren gehen. Jetzt unterstützt er seine ehemaligen Kollegen tatkräftig bei ihrem Streik und dabei, die mehr als 100 Meter lange Menschenkette vor dem Logistikzentrum zu schließen. „Ich komme mich erst wieder bewerben, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern“, sagt er. Für ihn ist etwas anderes aber noch wichtiger als eine bessere Bezahlung. „Die Leute hier stehen unter einem großen Leistungsdruck“, findet er. Mitarbeiter müssten sich oft rechtfertigen, wenn sie sich mal kurz mit einem Kollegen unterhielten. „Ich bin gerne fleißig, auch bei einer eher eintönigen Tätigkeit, aber die Arbeit soll ja auch ein bisschen Spaß machen“, erklärt er. Der seit 2011 in dem Unternehmen Beschäftigte Ahmed aus Moers wünscht sich wie viele der Streikenden auch eine Lohnerhöhung. „Hier wird man unter seiner Leistung bezahlt“, sagt er. „Und unsere Vorgesetzten wollen Leistung sehen.“ Ein typisches Beispiel dafür sei die strenge Pausenüberwachung. Genau 35 Minuten stehen den Arbeitnehmer für ihre Mittagspause zur Verfügung. Der Weg zum Pausenraum sei weit. „Es dauert alleine 15 Minuten, bis man da ist und sein Essen hat“, sagt der 44-jährige Mitarbeiter. Es ist die Summe der schlechten Arbeitsbedingungen, wegen derer sich knapp 500 der insgesamt 1500 Mitarbeiter am Standort Rheinberg formierten und unter roten Regenschirmen, begleitet von Trommelschlägen und schrillen Trillerpfeifen, eine Menschenkette bildeten. Allzu viele außenstehende Bürger hatten sich, vermutlich auch wegen des unberechenbaren Wetters, nicht beteiligt. Trotzdem soll aber am Donnerstag geschlossen weiter gestreikt werden. Wenn sich Amazon von der Menschenkette, die selbst dem starken Frühlingssturm trotzte, unberührt zeigt, geht es weiter mit den Streiks. „Wir sind kompromiss- und gesprächsbereit“, betont Schmidt. Aber wenn sich der Versandhändler nicht rege, soll vielleicht schon am Samstag zu einem erneuten Streik aufgerufen werden.