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Leben ohne Ton

30.09.2011 | 22:00 Uhr
Leben ohne Ton
/WAZFotoPool

Rheinberg.Wie es wohl ist, wenn die Vögel im Frühling nicht zwitschern, wenn die Wellen im Meer nicht rauschen, wenn der Ton für immer aus ist? Für Jutta Hendriks ist das völlig normal. Die 43-Jährige ist seit ihrer Geburt gehörlos.

Ihr Leben meistert die selbstbewusste Frau genauso gut wie hörende Menschen, dabei gibt es eine Sache, die ihr wirklich fehlt.

Wahrscheinlich hat Jutta Hendriks bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen. Ihr Hörnerv ist unheilbar geschädigt, gemerkt haben das die Ärzte aber erst nach einem Jahr. Hendriks’ Eltern hatten sich gewundert, warum ihre Tochter nicht anfing zu Sprechen.

Gehörlosigkeit - eine Diagnose, die Mutter Maria Hünermann noch heute zu schaffen macht: „Das verkraften Sie nie!“ Zwei Söhne hatte sie bereits bekommen. „Wir waren so glücklich, dass wir endlich ein Mädchen hatten.“ Gerne hätte Maria Hünermann noch mehr Kinder bekommen, aber der Schreck saß zu tief.

Lippenlesen statt Gebärdensprache

Was für die Mutter ein Schock war, ist für die Tochter völlig normal. Sie kennt es nicht anders. In der Schule hat Jutta Hendriks Gebärdensprache gelernt. Die nutzt sie aber kaum, weil sie nur drei gehörlose Freunde hat. Im Alltag liest sie von den Lippen, fasst ihre Gedanken in Worte und spricht sie verständlich aus. Ein Brot beim Bäcker zu kaufen, ist deshalb kein Problem. Wenn sie aber doch mal nicht verstanden wird, weiß sie sich mit Zettel und Stift zu helfen. Behördenangelegenheiten regelt sie grundsätzlich schriftlich. Auch Handy und Computer sind wichtige Kommunikationshelfer.

Mit ihrer 17-jährigen Tochter Valerie wohnt die gelernte Konditorin in Rheinberg. Ihren Beruf kann sie, unter anderem wegen einer Mehlallergie, nicht mehr ausüben. Seitdem arbeitet sie ab und zu als Babysitterin. Einen neuen Job zu finden, ist gar nicht so einfach, denn aufgrund der Behinderung bekommt die 43-Jährige häufig Absagen. Außerdem sind bestimmte Berufsfelder gar nicht realisierbar. Jutta Hendriks würde gerne als Verkäuferin arbeiten.

Ihre Lebensfreude hat sie trotzdem nicht verloren. Denn bis auf der Einschränkung im Beruf gibt es keine Hindernisse für die selbstständige Frau, die auch Auto fährt. Jutta Hendriks kommt gut mit der Behinderung zurecht. Es gibt nur eine Sache, die sie traurig macht: „Das Schlimmste ist, dass ich keine Musik hören kann“, sagt Hendriks, die auch gerne tanzt. Den Rhythmus spürt sie im Bauch. Tauschen wollen, würde sie ihre Behinderung jedoch nicht, wenn sie könnte. Ein verlorenes Bein oder der Sehverlust, wäre für sie viel schlimmer. Denn dann wäre sie nicht so selbstständig, könnte kein Auto fahren - und das macht sie wirklich gerne.

In Rheinberg fühlt sich die Gehörlose wohl. Mit Diskriminierung hat sie noch keine Erfahrungen gemacht. Hier wird sie völlig integriert und akzeptiert, wie sie ist: „Ich habe hier alles, was sich brauche“, und damit meint sie vor allem Freunde und Familie, die immer für sie da sind.

Brinja Bormann

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