Klassenkampf unter Eltern

Foto: Oliver Fantitsch

Rheinberg. „Frau Müller muss weg“ zieht als Komödie wie als Film Kreise. So zu erleben im Rheinberger Stadthaus, wo das Theaterstück von Lutz Hübner für ein volles Haus sorgte. Alleine schon der ewig aktuelle Stoff aus der Schüler-Lehrer-Elternwelt einer Grundschule bot genügend Schmunzelstoff. Was sich allerdings auf der Bühne abspielte, dürfte Realität im Schulsystem, in Klassenzimmern und auch in Elternhäusern einer Bildungsnation sein.

Dabei geht es um die Nachwehen des Pisa-Schocks, ehrgeizige bis vom Schulsystem verunsicherte Eltern, stressgeplagte Lehrkräfte und Schüler. Alle wissen, wie der Hase läuft. Wenn zum Schluss Lehrerin Frau Müller, überzeugend gespielt von Claudia Rieschel, sagt: „Ich denke, wir haben jetzt alles geklärt“, dann ist der Zuschauer durch Täler von Elternmeinung und Lehrererfahrung gegangen.

Viele Wiedererkennungsmomente, nicht nur bei Lehrern oder Eltern im Publikum, sorgten dabei für Szenenapplaus. Als Zuschauer steigt einem sogar der Kreidegeruch wieder auf. Als Elterngespräch mit Klassenlehrerin Frau Müller in der Klasse 4b deklariert, wollen besorgte Eltern das vollbringen, was sie für ihre Pflicht halten. Frau Müller scheint die pädagogische Begabung abhandengekommen zu sein. Das Vertrauen in die Lehrerin, kurz vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule, ist weg. „Wir müssen handeln – im Namen fast aller Eltern“, heißt es in der Elternrunde.

Der Kampf im Klassenzimmer eskaliert. Zwischen herbstlichen Basteleien wird die schulische Karriere der Kinder neu verhandelt, Eltern wollen nur das Beste. Dass diese Eltern bei der Einschätzung ihrer Kinder zwischen hochbegabt und unterfordert pendeln, versteht sich – aber seit wann sind Eltern objektiv? Sabine Müller führt den Eltern die Klassensituation mit überdrehten und gewaltbereiten Kindern vor Augen und entlarvt elterliche Versäumnisse.

So fälscht Laura ihre Entschuldigungen, sitzt stundenlang mit Janine vor dem Computer. Vater und Hausmann Wolf (Wolfgang Seidenberg) versucht, den Bildungshorizont seiner Tochter Janine mit dem Chemiebaukasten zu erweitern. Die esoterische Bioladen-Kundin und Gutmensch Marina (Katrin Filzen) beklagt, dass Sohn Lukas nicht integriert sei. Katja Grabowski (Iris Boss), Mutter des Klassenbesten, pflegt eher die eigenen Probleme.

Mit dem Feinstrich an Komik setzt Lutz Hübner an und Kay Neumann als Regisseur um, wenn Frau Müller sich mit Vorurteilen auseinandersetzen muss. Als sie das Klassenzimmer verlässt und ihre Handtasche mit dem Notenbuch vergisst, beginnen Taschenschnüffeleien. Ein Strategiewechsel folgt, die Eltern werden von ihrem eigenen Ehrgeiz eingeholt. Ein überraschendes Ende folgt. Erschreckende Komik oder eher Drama mit aktuellem Bezug? Wohl von beidem, Frau Müller trifft den Nerv der Zeit.