„Inklusion ist gute Schule an sich“, heißt es an der Viktor-Schule

Schüler der Klasse 4a an der Viktor-Schule üben für ein Musical.
Schüler der Klasse 4a an der Viktor-Schule üben für ein Musical.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Die Viktor-Schule, eine Grundschule in Xanten, ist Schwerpunktschule Inklusion.

Xanten..  Wenn man sich mit Heinz Roters über Inklusion unterhält, wird er alles andere als still – so viel hat er zu dem Thema zu sagen. Bei öffentlichen Veranstaltungen zeigt er gern ein großes Blatt, auf dem ein paar seiner Ansicht nach zentrale Aussagen stehen. Und darauf ist zu lesen: Inklusion ist mehr als „endlich ein Fahrstuhl“, ist mehr als „Barrierefreiheit“. Inklusion ist „gute Schule an sich“ und stellt an Räume und Raumgefüge entsprechend besondere Anforderungen.

Wer jetzt Roters vorwirft, über die Theorie zu reden, der liegt grundfalsch: Roters ist Praktiker, Leiter der Viktor-Schule. Und an seiner Grundschule wird all das mit Leben erfüllt. Allerdings hat er auch einen Vorteil: Die Viktor-Schule ist Schwerpunktschule Inklusion. „Hier konzentriert sich alles, auch die Sonderpädagogen. Die können ja nicht wieder Kofferpädagogen sein.“ Kofferpädagoge bedeutet: Die Sonderpädagogen arbeiten mal ein paar Stunden hier, mal ein paar Stunden da. Da fällt Beziehungsaufbau schwer.

„Inklusion hat ihre Grenzen“

Roters dagegen hat drei Sonderpädagogenstellen fest an der Schule, vier Kollegen arbeiten in diesem Bereich. „Ich bin froh und dankbar, dass es so ist!“ Trotz dieser personellen Ausstattung stellt er ganz nüchtern fest: „Inklusion hat ihre Grenzen. Wir können nicht alle Kinder fördern. Bestimmte Beeinträchtigungen zu fördern geht hier nicht optimal. Deswegen ist zum Beispiel die Förderschule Bönninghardt unverzichtbar für die Inklusion.“

Das gelte zum Beispiel auch für Kinder mit starker sozialer und emotionaler Beeinträchtigung oder für solche mit sehr starker geistiger Beeinträchtigung. „Der Elternwille ist zwar ausschlaggebend, aber man sollte zum Wohle des Kindes eine gemeinsame Lösung finden“, so Roters. „Und wenn sich dann herausstellt, dass die Förderschule besser ist, sollte das Kind dort unterrichtet werden.“

Seiner Einschätzung nach war der Weg in die Inklusion sehr wichtig. „Seit 15 Jahren wird hier integrativ beschult. Früher kam mal jemand für zwei, drei Stunden hierhin. Aber wir hatten bis vor kurzem eine sehr engagierte Schulamtsdirektorin, Gisela Lücke-Deckert. Sie hat die Schule sehr unterstützt, wenn es um Integrationsarbeit ging.“ Mittlerweile ist die an der Viktor-Schule in Xanten geleistete Arbeit weithin anerkannt. Das Schulministerium aus Baden-Württemberg hat sie sich angesehen, die Bezirksregierung Münster war auch da.

Was Roters selbst nach 15 Jahren immer noch begeistert, ist der Einsatz des Kollegiums. „Ich ziehe am meisten meinen Hut vor den Lehrerinnen und Lehrern, die von Montag bis Freitag unterrichten und fördern. Nicht immer ist ein Sonderpädagoge dabei, es gibt keine durchgängige Doppelbesetzung.“ Aber der Vorteil einer Grundschule sei es, dass der Klassenlehrer fast immer anwesend sei. „Lernen ist auch Beziehungsarbeit. Es kommt in besonderer Weise auf Beziehung an. Schule ist Unterricht und Erziehung gleichzeitig, und dafür braucht man eine Beziehung.“

Gerade an der Grundschule habe man schon immer mit innerer und äußerer Differenzierung gearbeitet, Kinder so gefördert. Roters: „Eine Anregung auch durch schwächere Schüler ist gut, ein Aussortieren der Kinder nicht. Vom gemeinsamen Lernen profitieren letztlich beide Seiten. In Integrationsklassen findet besonders gute Schule statt. Aber so etwas muss wachsen, das kann nicht von oben übergestülpt werden“, mahnt er.

Seine Forderung: „Die Lehrer dürfen nicht allein gelassen werden. Sie brauchen auch einen Nebenraum, in dem ruhig gearbeitet werden kann – und das darf nicht einfach der Kartenraum sein. Einfach nur ein viereckiger Raum ist nicht geeignet. Wir brauchen Schulräume, die besonderen Anforderungen entsprechen!“

Nach Roters’ Einschätzung habe man „hier in der Regelschule gute Erfahrungen gemacht mit der Inklusion. Wir haben uns auf den Weg gemacht, uns immer weiterentwickelt, auch mit Hilfe von Fortbildungen“. Die Sozialpädagogin Melanie Steufkens hat ein so genanntes Lernstudio eingerichtet, in dem Kinder der 1. Klasse eine besondere Betreuung bekommen. „Wir arbeiten von Anfang an präventiv, nutzen die Informationen vom Kindergarten. Dann können wir besonders gut helfen, vor allem bei entwicklungsverzögerten Kindern. Alle vier Klassenlehrerinnen profitieren von der Arbeit der Sozialpädagogin, die sowohl in Kleingruppen als auch gemeinsam mit der Grundschullehrerin unterrichtet.“

Bei aller Begeisterung für die Inklusion: Roters warnt davor, sie zu überschätzen. „Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, dass wir alles kompensieren können, alle Beeinträchtigungen, sondern wir müssen damit leben, dem Platz und Raum geben. Leben ist ein sozialer Raum.“ Kollegen, die jetzt damit anfangen, gibt er ein paar Tipps. „Man muss keine Angst haben, man muss kleine Schritte gehen, nicht vom Idealzustand ausgehen. Und man sollte mit anderen Schulen Kontakt aufnehmen, die das schon länger machen. Wir stehen da als Ansprechpartner gerne bereit.“

Und noch ein Rat: „Es gibt Möglichkeiten und Grenzen der Inklusion. Aber die Möglichkeiten sind ungeheuer groß!“