In Würde sterben im Rheinberger Hospiz

Schmerz- und Palliativmediziner Norbert Schürmann
Schmerz- und Palliativmediziner Norbert Schürmann
Foto: Ulla Michels
Auf beiden Stationen sind die Wünsche der Patienten Maßstab des Handelns.

Rheinberg..  Ohne Schmerzen in Würde sterben – für Menschen, die kurz vor ihrem Lebensende stehen, ist dies oft das Wichtigste. Ein Hospiz ist der Ort, an dem dies möglich ist; es entbindet die Angehörigen von einer Verantwortung, der sie in den meisten Fällen nicht gerecht werden können. Das Moerser St. Josef Krankenhaus ist bestrebt, den letzten Abschied so schmerzfrei und menschlich wie möglich zu gestalten: Palliativstation und Hospiz Haus Sonnenschein in Rheinberg arbeiten eng zusammen.

Norbert Schürmann, Leiter der Palliativstation, auf der todkranke Patienten schmerzfrei eingestellt werden, denkt auch an die, die zurückbleiben werden: „Die Angehörigen dürfen nicht in die Knie gehen. Wir raten häufig dazu, ins Hospiz zu gehen.“ Man müsse den Angehörigen das schlechte Gewissen nehmen, das Gefühl, den geliebten Menschen „abgeben“ oder gar aufgeben zu müssen. Schürmann: „Im Gegenteil, der Patient erhält die bestmögliche Versorgung.“ Dieses Gefühl ändere sich indes recht schnell, so Hospizleiterin Beate Bergmann: „Es ist nur am Anfang so, dass die Leute denken, es wäre ein Abschieben.“

Der Wunsch nach Alltäglichkeit

Wie ist es, wenn sich ein Mensch auf das Sterben vorbereitet? Schürmann: „Die Gedanken der Menschen sind ganz anders als die Realität, die Kranken haben ein ganz anderes Verhältnis zur Sterbehilfe – sie hängen an ihrem Leben.“ Beate Bergmann ergänzt: „Bis zur letzten Sekunde.“ Das, was sich die Sterbenden wünschten, sei ihr Alltagsleben: „Wir haben ein offenes Wohnzimmer, eine offene Küche. Die Angehörigen können dort ihr Leben mit den Kranken verbringen.“ Die Wünsche der Sterbenden zu erfüllen, ist das oberste Gebot für alle Mitarbeiter des Hospizes: „Wenn jemand Hugo trinken will, trinkt er Hugo.“ Ein Mann habe jeden Tag „Strammen Max“ essen wollen – kein Wunsch bleibt unerfüllt.

Bei aller Fürsorge bleibt die Angst des Menschen vor dem Sterben. Norbert Schürmann: „Eine Patientin hatte Angst, am Lungenkarzinom zu ersticken und es bewusst zu erleben. Wir haben hinterher ihr Tagebuch gefunden: Nachdem sie das erste Mal nach einer Luftnot wach wurde, war ihr die Angst genommen.“ Es sei die Angst davor, wie man stirbt, erklärt der Palliativmediziner, der immer wieder an die Angehörigen denkt: „Sie sind der Patient 1B. Auf unserer Station ist immer einer für die Angehörigen da.“ So ist es auch im Hospiz. „Auch wir sind immer ansprechbar“, verspricht die Hospizleiterin, „wir wollen Raum für die Chance schaffen, sich zu verabschieden.“

„Wenn junge Menschen sterben, reflektieren wir unser eigenes Leben. Man fängt sich untereinander auf.“ Beide sprechen über die Belastung, die ihre Berufe darstellen. „Wir brauchen eine reflektierte Haltung und die Einsicht, dass jedes Leben endet.“ Der Leiter der Palliativstation setzte sich zu zwei alten Herren und spielte mit ihnen Skat; auch das war Therapie, war ein kleines Stück Normalität. Doch eines Tages ist der Weg eines jeden Patienten zu Ende. Beate Bergmann: „Manches bleibt übrig. Ich stand oft als Einzige mit dem Regenschirm auf dem Friedhof.“ Für die Angehörigen gibt es alle drei Monate eine christliche Trauerfeier. Für muslimische Patienten werden die Betten nach Mekka ausgerichtet: „Eine Witwe kam mit der Burka zu unserer christlichen Trauerfeier und sagte: Sie haben unsere Religion akzeptiert, ich akzeptiere die ihre.“

Was bleibt nach der Arbeit, was nehmen der Arzt und die Hospizleiterin mit? Norbert Schürmann: „Die Patienten lehren mich etwas: Ich genieße den Weg von der Station zum Haupthaus, genieße die Sonne. Ich kann das Hier und Jetzt ausleben – morgen kann schon alles ganz anders sein.“

Beate Bergmann teilt diese Erfahrung: „Ich weiß nicht, ob es noch ein Morgen gibt.“ Und sie sagt zum Schluss: „Ich glaube, man bekommt ein Gefühl von Achtsamkeit und Demut.“

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