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Serie: Eine Klasse für sich

Hier gibt der Stab den Ton an

18.11.2011 | 19:09 Uhr
Hier gibt der Stab den Ton an
Drei Mal in der Woche werden Fünftklässler in der Gemeinschaftsschule Rheinberg ganztags betreut. Ein ganz normaler Tag hat acht Stunden. Foto: Marc Albers / WAZ FotoPool

Rheinberg.   Drei Mal in der Woche werden Fünftklässler in der Gemeinschaftsschule Rheinberg ganztags betreut. Ein ganz normaler Tag hat acht Stunden.

„Hier ist jedes Kind willkommen. Nicht die Noten stehen im Mittelpunkt, sondern das Kind, das individuell gefördert wird“, so erklärt Martin Reichert, Abteilungsleiter der Klassen Fünf bis Sieben, die Vorzüge der Gemeinschaftsschule zu anderen Schulsystemen. An der Gemeinschaftsschule Rheinberg lernen schon die Fünftklässler sich selbst einzuschätzen und eigene Lernschwerpunkte festzulegen.

Es ist es vollkommen still im Raum, so still, wie es heute in keiner weiteren Stunde sein wird. Konzentriert wandern die Augen von links nach rechts, rutschen eine Zeile tiefer. „Das Tempo ist unterschiedlich“, verrät Deutschlehrerin Carina Düllmann, „Manche können sehr gut lesen, manche kaum.“

Schüler beschäftigen sich selbst

In der Lesezeit am Montagmorgen, von 8 bis 9.30 Uhr , beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler überwiegend selbst. Im Leseheft finden sie Texte, die sie allein oder zu zweit lesen können. Mit Hilfe von Checklisten bewerten sich die Fünftklässler selbst und lernen so ihre Lesefähigkeiten einzuschätzen. Währenddessen besprechen die beiden Klassenlehrerinnen, Carina Düllmann und Sonja von der Crone, die Woche. Zweimal, montags in den ersten und freitags in den letzten beiden Stunden unterrichten sie gemeinsam.

Wenn es zu laut wird, greift Carina Düllmann zum Klangstab. Wenn der Ton erklingt, werden die Schüler ruhiger. Foto: Marc Albers / WAZ FotoPool

Es wird unruhig im Klassenraum, die Stunde neigt sich dem Ende zu. Ein Signal unterbricht das Gewusel im Raum. Mit einem Klangstab bringt Carina Düllmann die Fünftklässler zur Ruhe. Die 22 Schülerinnen und Schüler müssen sich noch an der Pinnwand zu den IGL-Stunden (Individuell gestaltetes Lernen) am Dienstag- und Donnerstagmorgen eintragen. Hier haben sie Zeit an ihre Schwachpunkte in Mathe, Deutsch und Englisch anzuknüpfen. Die meisten entscheiden sich für Deutsch, weil bald eine Arbeit geschrieben wird. Nach der Pause von 9.30 bis 9.55 Uhr geht es weiter mit Englisch. „Good morning Mr. Dittmann“, stehend begrüßen die Fünfklässler ihren Englischlehrer Christian Dittmann. Von der Ruhe in den ersten beiden Stunden ist schon jetzt nichts mehr zu spüren. Einige Schüler sind unruhig und können schon zu Beginn der Stunde kaum still sitzen bleiben. Bing! Da ist es wieder, das Ruhesignal. Mit einer Klingel zeigt Christian Dittmann den Schülern, dass es zu laut ist und verteilt die Vokabeltests, die in der vergangenen Stunde geschrieben wurden. „Häää? Da ist ja gar nichts dran gemacht“, wundern sich die Schüler, die den Test selbst korrigieren sollen. „Damit lernen sie Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und auch Ehrlichkeit“, erklärt Dittmann. Die 10-jährige Doreen ist unzufrieden, weil sie viele Wörter falsch geschrieben hat: „Ich wusste die Wörter, aber ich hab sie geschrieben, wie man sie spricht.“ Die Hektik im Raum wird stärker und einige Schüler fallen immer wieder durch alberne Kommentare und Zwischenrufe auf. Das wirkt sich auch auf die Konzentration der anderen Schüler aus, die sich schnell ablenken lassen.

Experimente mit dem Gasbrenner

Um 11.25 Uhr ist endlich Pause, die ist jetzt auch nötig. Doreen, Jo-Anne und Celina verbringen die 20 Minuten an der frischen Luft und laufen über den Schulhof. Nach dem Gong geht’s ins Dachgeschoss zum Musikunterricht. Lehrerin Heike Eurich empfängt die geschlauchten Schüler mit Lockerungs- und Atemübungen.

„Pöh töh köh“ sprechen die Kinder im Chor mehrmals hintereinander und atmen dabei aus. Nach dem November-Kanon von Felix Janosa geht’s ans Schlagzeug. „Das macht am meisten Spaß“, sagt die 10-jährige Marie. „Ich mag es, wenn es so laut ist.“ Bis zu drei Kinder spielen gemeinsam. „Es ist eine Herausforderung alle Schüler mit einzubinden“, sagt Heike Eurich. Manche von ihnen werden wieder unruhig. Als es zu laut wird, ertönt plötzlich hohes Klaviergeklimper, das im Musikunterricht die Funktion von Klangstab und Klingel hat. Die Zeit ist knapp und wird intensiv genutzt. Um 12.30 Uhr ist die Stunde schon vorbei.

Lehrerin Heike Eurich gibt beim Schlagzeugspielen den richtigen Rhythmus vor. Foto: Marc Albers / WAZ FotoPool

In der Mittagspause gehen Celina und Etienne in die Mensa und schnappen sich zwei der 160 Plätze, von denen etwa 20 belegt sind. Für einen Teller Nudeln mit Tomatensoße zahlt Etienne 2 Euro, Celina entscheidet sich für ein Stück Pizza. Eine Stunde haben die Schüler Zeit zum Essen. Von 13.30 bis 14.15 Uhr unterrichtet Sonja von der Crone Naturwissenschaften, Etiennes Lieblingsfach. „Da haben wir das erste Mal mit dem Gasbrenner gearbeitet“, erinnert er sich begeistert. Heute geht es um das Thema Hören. Die Schüler erhalten je ein DIN A4 Blatt, auf dem Teile des Ohres stehen, und sollen sie in die richtige Reihenfolge bringen. Das klappt aber nicht so richtig.

Die Konzentration sinkt

„Nach der Mittagspause sind die meistens ausgelaugt“, erklärt von der Crone. Die Konzentration sinkt, die Lautstärke steigt. Wieder kommt der Klangstab zum Einsatz. Noch eineinhalb Stunden bis zum Schulschluss. „Ihr macht einen sehr müden Eindruck“, sagt Kunstlehrerin Karin Kleinbrahm und öffnet einige Fenster. Für das Herbstbild sammeln die Schüler Tannenzapfen, Blätter und Baumrinde auf dem Schulhof und malen die Gegenstände ab. Das fertige Bild stellt dann einen Waldboden dar. „Nicht verzweifeln, das wird super. Ich weiß, dass das schwierig ist“, motiviert Kleinbrahm die Schüler. Zum ersten Mal gibt es heute kein Ruhesignal. Das ist nicht mehr nötig. Nach acht Stunden sind die Schüler abgespannt, die Ruhe in Person.

Brinja Bormann

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2011-11-18 19:09
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