Frauen im Fußballstadion - Siegener Soziologe räumt mit Klischees auf

Frauen im Stadion: Sie unterscheiden sich auch im Verhalten kaum von Männern, sagt der Siegener Soziologe Oliver Fürtjes.
Frauen im Stadion: Sie unterscheiden sich auch im Verhalten kaum von Männern, sagt der Siegener Soziologe Oliver Fürtjes.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Oliver Fürtjes, Soziologe an der Universität Siegen, forscht über das Publikum in Fußballstadien. Da weiß er auch, warum Frauen ins Stadion gehen.

Siegen..  Wenn Oliver Fürtjes an der Uni sein Seminar über Fußball und Gesellschaft hält, sagt er in der ersten Stunde: „Sie müssen hier die Fanbrille abnehmen. Der Stadionbesuch wird nachher nicht mehr der gleiche sein.“ Manche gehen dann lieber. Denn Fans leben und lieben ihre Mythen. Fürtjes, 36, FC-Köln-Fan, ist so etwas wie der Entzauberer des Fußballs. Mit diesen Klischees räumt der Soziologe auf:

„Frauen wollen auf dem Rasen knackige Hintern und Stars sehen. Von Fußball verstehen sie eher wenig.“ Klischee Nr 1
18 Prozent der Kicker-Leser im Jahr 1954 waren Frauen. Diese Zahl überraschte den Soziologen Oliver Fürtjes, als er den Datensatz über die Leserstruktur des Fußballmagazins, die ein Teil seiner Arbeit darstellt, untersuchte. „Das spricht ja schon einmal für ein generelles Interesse an Fußball.“ Deshalb fütterte Fürtjes sein Statistikprogramm mit den unzähligen Daten verschiedener Stadionbefragungen der Sporthochschule Köln. Für diese ließ Hans Stollenwerk unter anderem zwischen 1997 und 2010 rund 14.000 Stadionbesucher bei 18 Profispielen befragen.

Abgeklopft wurden Aussagen wie: Ist der Tag nach einer Niederlage gelaufen? Haben Sie eine Dauerkarte? Fürtjes Erkenntnis: Frauen unterscheiden sich kaum von Männern. Sie haben Dauerkarten, bewegen sich in Fanpulks und feuern ihre Mannschaft von den Stehplätzen – am vermeintlich rauesten Ort im Stadion – an. „Das geschieht in der breiten Masse. Von den Ergebnissen war ich selbst überrascht“, so Fürtjes.

Der einzige Unterschied: Frauen gehen nicht allein ins Stadion. Was Männer ja durchaus

gern machen. „Marginale Unterschiede gibt es bei der Frage: Kann ich mir ein Leben ohne Fußball vorstellen?“, sagt Fürtjes. Frauen seien da nicht so rigoros. Allerdings feuern sie ihr Team kräftiger an als die Männer. „Frauen kommen wegen des Sports und der Stimmung ins Stadion. Genauso wie Männer.“

„Je mehr Frauen im Stadion sind, desto weniger Krawalle gibt es.“ Klischee Nr. 2

Allein die Anwesenheit des weiblichen Geschlechts wirkt zivilisierend. So wird es von den Fußballclubs gern vermittelt. Heute ist jeder fünfte Fan im Stadion eine Frau. „Deshalb sei es nach den Hochjahren der Hooligans in den 80ern ruhiger geworden “, so Fürtjes. „Ausschreitungen wie jetzt in Gladbach zeigen jedoch, dass die Zeit der Randale nicht vorbei ist. Die Zahl der Übergriffe liegt jedoch im Promillebereich.“ Die werde es immer geben. „Menschen, die auf Aggression aus sind, die gibt’s immer in der Gesellschaft, und demnach auch im Stadion.“

„Prosecco statt Bier – Das Publikum im Stadion wird immer bürgerlicher.“ Klischee Nr. 3


Kumpel, Malocher, Pöhler – gerade die Clubs aus dem Ruhrgebiet legen Wert auf ihr Arbeiterimage. Früher war Fußball ein Freizeitvergnügen des Proletariats – quasi aus der Kokille ins Stadion. Heute ist Fußball hingegen gesellschaftsfähig. Diese Verbürgerlichung, so wird oft gesagt, begann in den 90ern mit der Professionalisierung des Sports, der Ausbau der Stadien und der medialen Begleitung im Privatfernsehen. Das TV-Magazin ran auf Sat.1 ist ein Beispiel für diese Zeit. „Doch diese These trifft nicht zu“, so Fürtjes. Zwar sinke der Anteil der Arbeiter im Stadion stetig, aber dies sei auch innerhalb der Gesellschaft so. Die Stollwerk’sche Publikumserhebungen zeigte, dass in Köln 1977 und 1985 oder in Duisburg 1998 die Arbeiter nie die größte Zuschauergruppe darstellten, die meisten Fans waren Angestellte.

Weitere Erkenntnisse lieferte die Analyse der Kicker-Leser aus den 50ern. Darunter waren 48 Prozent Arbeiter und 80 Prozent mit einem Hauptschulabschluss, „und damit Deckungsgleich mit der Gesellschaft zu dieser Zeit“, sagt Fürtjes. Laut diesem Ergebnis entsprechen die 80. 000, die am Samstag das Derby Dortmund gegen Schalke sehen, dem Querschnitt von 81 Millionen Deutschen? Die Welt im Kleinen im Signal-Iduna-Park? „Ja, so ist es. Und so war es auch schon immer.“

Was noch?
- Oliver Fürtjes empirische Untersuchungmit dem Titel „Frauen, Fußball und Kommerz – eine besondere Liaison?“ erschien in Spectrum der Sportwissenschaften 2014/2.


- Seine Dissertationreichte der 36-Jährige aus Rheinberg vor wenigen Tagen am Lehrstuhl für Soziologie an der Uni Siegen ein.

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